You are here: Startseite Q&A Fragen und Antworten

Fragen und Antworten

Questions and Answers English  Vragen en Antwoorden Nederlands

Gibt es etwas, das Sie schon immer über Sprache wissen wollten? Vielleicht haben wir die Antwort! Forscher vom Max Planck Institut für Psycholinguistik beantworten hier Fragen über Sprache von Menschen, die selber keine Sprachforscher sind. Falls Sie auch eine Frage über Sprache haben, schicken Sie sie uns hier! MPI Forscher schreiben regelmäβig Antworten auf die uns zugesendeten Fragen und machen diese über die hiesige webpage einsehbar. Besuchen Sie uns wieder, um durch zukünftige Fragen und Antworten mehr über Sprache zu lernen.

Zeig oder verberg AntwortGibt es eine universale Körpersprache?
Link & Share

Die meiste Zeit kommunizieren wir auch mit unserem Körper und dies auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Eine Form der Kommunikation ist z.B. die Körpersprache. Während einer sozialen Interaktion werden unsere Einstellungen und Emotionen auch durch unseren Körper zum Ausdruck gebracht. Dabei spielt die Dynamik der Interaktion, die zwischen-menschliche Beziehung zum Gesprächspartner und die eigene Persönlichkeit eine Rolle (siehe auch Antwort zur Frage Was ist Körpersprache?). Die Signale, die unser Körper aussendet, sind meistens unbewusst. Darum wäre es schwierig, eine universelle Körpersprache zu finden, die von Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen verstanden, erlernt und benutzt werden kann. Innerhalb einer Kultur gibt es jedoch sehr viele Gemeinsamkeiten wie Menschen ihre Einstellungen und Emotionen durch den Körper ausdrücken.

3.06

Eine andere Form von Kommunikation mittels unseres Körpers ist der Gebrauch von sprachbegleitenden Gesten. Diese Gesten, die beim Sprechen produziert werden, sind Bewegungen der Hände, Arme und ab und zu auch anderer Körperteile. Im Vergleich zu Signalen, die durch Körpersprache ausgedrückt werden, stellen sprachbegleitende Gesten Bedeutungen dar, die den Bedeutungen des Gesagten sehr ähneln. Wir schlagen z. B. mit der Faust in die offene Handfläche der anderen Hand, wenn wir von einem Aufprall sprechen. Dennoch ist es selten möglich sprachbegleitende Gesten komplett ohne die dazugehörige Sprache zu interpretieren, weil Sprache und Gestik stets sehr eng miteinander verbunden sind. Wenn die Gesprächspartner unterschiedliche Sprachen sprechen, dann helfen also auch sprachbegleitende Gesten der Kommunikation recht wenig. Außerdem entstehen und verändern sich sprachbegleitende Gesten innerhalb einer Kultur. Dementsprechend unterscheiden sich Gesten bis zu einem gewissen Grad zwischen verschiedenen Kulturen. Darüber hinaus gibt es selbst innerhalb einer Kultur keine Standardform für diese Gesten. Sie werden von jedem ganz individuell beim Sprechen kreiert. Obwohl es Ähnlichkeiten im Gebrauch von Gesten gibt um bestimmte Bedeutungen darzustellen, gibt es von Mensch zu Mensch auch wesentliche Unterschiede. Zur Kommunikation zwischen Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen, sind sprachbegleitende Gesten dementsprechend nicht als universell einsetzbares Mittels geeignet.

Einen Ausweg, den Menschen oft wählen, wenn sie in einer anderen Sprache zu kommunizieren versuchen, sind pantomimische Gesten oder auch einfach Pantomime. Diese Gesten sind sehr ikonisch, sie stellen also bestimmte Strukturen oder Objekte aus unserer Umwelt dar (wie ein paar wenige ikonische sprachbegleitende Gesten). Selbst wenn sie in erster Linie zusammen mit Sprache produziert wurden, können diese Gesten also auch ohne Sprache verstanden werden. Somit sind diese bei der Kommunikation in einer Fremdsprache viel aufschlussreicher als sprachbegleitende Gesten. Solange wir mit unserem Gegenüber Wissen über unsere Welt teilen, (z.B. über bestimmte Handlungen, Objekte und deren räumliche Bezüge), sind diese Gesten kommunikativ - sogar wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen.

Pantomimischen Gesten, die Informationen auch ohne Sprache übermitteln können, müssen allerdings von Zeichensprachen unterschieden werden. Im Vergleich zu Pantomimen, sind Zeichensprachen von tauben Gemeinschaften vollwertige Sprachen. Sie bestehen aus Formen und Bewegungen, die konventionelle Bedeutungen besitzen und Einheiten gesprochener Sprache entsprechen. Auch hier gibt es nicht DIE universelle Zeichensprache: Unterschiedliche Gemeinschaften haben unterschiedliche Zeichensprachen (deutsche, niederländische, englische, französische oder türkische Zeichensprachen sind nur eine kleine Auswahl).

 Judith Holler & David Peeters
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Bangel & Manu Schuetze

 Weiterlesen?

Kendon, A. (2004). Gesture: Visible action as utterance. Cambridge University Press. (link)

Press.McNeill, D. (1992). Hand and mind: What gestures reveal about thought. Chicago University Press. (link book review)

Zeig oder verberg AntwortGibt es ein Sprachgen das andere Spezies nicht besitzen?
Link & Share

Sprache ist einzigartig in unserer natürlichen Welt und sie ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was den Mensch zum Menschen macht. Obwohl auch andere Spezies über eigene komplexe Kommunikationssysteme verfügen, können selbst unsere nächsten lebenden Verwandten unter den Primaten nicht sprechen, zum Teil, weil sie ihre Lautäußerungen nicht ausreichend kontrollieren können. Einige Schimpansen und Bonobos konnten zwar nach Jahren intensiven Trainings eine rudimentäre Zeichensprache erlernen, selbst diese Ausnahmefälle sind jedoch nichts im Vergleich zu einem sich normal entwickelnden menschlichen Kleinkind, das Sprache spontan und innovativ gebrauchen kann, um Gedanken und Ideen über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auszudrücken.

2.16D

Mit Sicherheit spielen Gene eine wichtige Rolle bei der Ergründung dieses Rätsels.  Es gibt jedoch kein „Sprach-Gen” oder „Gen für Sprache”, also ein spezielles Gen, das uns mit dieser einzigartigen Fähigkeit ausstattet. Gene bestimmen unsere kognitive Leistung oder unser Verhalten nicht direkt. Vielmehr enthalten sie Blaupläne für Proteine, die ihrerseits Funktionen innerhalb der Körperzellen übernehmen. Einige dieser Proteine haben signifikante Auswirkungen auf die Eigenschaften von Hirnzellen, beispielweise indem sie beeinflussen wie sich diese Zellen teilen, wie sie wachsen und Verbindungen mit anderen Hirnzellen herstellen. Diese Prozesse sind ihrerseits dafür verantwortlich wie unser Gehirn funktioniert, und dazu gehört auch das Sprechen und Verstehen von Sprache. Es ist also gut möglich, dass evolutionsbedingte Veränderungen in bestimmten Genen einen Einfluss darauf hatten, wie die menschlichen Hirnregionen vernetzt sind und somit eine Rolle gespielt haben bei der Entstehung von Sprache. Wahrscheinlich tragen Veränderung in mehreren Genen, nicht nur in einem “magischen Sprachgen” dazu bei. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass entscheidende Gene plötzlich, quasi aus dem Nichts in unserer Spezies aufgetreten sind.

Aus biologischer Sicht gibt es starke Hinweise darauf, dass die menschliche Sprachfähigkeit auf Modifikationen von Gen-Netzwerken basiert die tiefer in der Entwicklungsgeschichte verankert sind. Ein überzeugendes Argument hierfür liefern Studien zu FOXP2 (ein Gen, das in den Medien fälschlicher Weise häufig als das sagenhafte “Sprachgen” dargestellt wird). Es stimmt zwar das FOXP2 relevant ist für Sprache – die Rolle dieses Gens für die menschliche Sprache wurde ursprünglich entdeckt weil eine Unterbrechung des Gens durch seltene Mutationen eine schwere Sprech- und Sprachstörung verursachen. Aber FOXP2 findet sich nicht allein beim Menschen. Ganz im Gegenteil, Varianten dieses Gens finden sich in erstaunlich ähnlicher Form bei vielen Wirbeltieren (unter anderem bei Primaten, Nagetieren, Vögeln, Reptilien und Fischen) und es scheint bei diesen unterschiedlichen Tieren in vergleichbaren Gehirnregionen aktiv zu sein. Singvögel beispielsweise haben ihre eigene Version von FOXP2 die ihnen dabei hilft Singen zu lernen. Eingehende Untersuchungen der verschiedenen Versionen dieses Gens in unterschiedlichen Spezies zeigen, dass es eine Rolle bei der Vernetzung von Gehirnzellen spielt. Das Gen besteht seit vielen Millionen Jahren Evolutionsgeschichte ohne sich viel verändert zu haben, interessanterweise haben aber gerade nach der Abzweigung zum Menschen, d.h., nachdem wir uns von den Schimpansen und Bonobos fort entwickelt haben, mindestens zwei kleine aber interessante Veränderungen in FOXP2 stattgefunden. Wissenschaftler untersuchen nun diese Veränderungen um Herauszufinden, wie sie die Entwicklung von Verbindungen im menschlichen Gehirn beeinflusst haben, ein Puzzleteil bei der Erforschung des Ursprungs unserer Sprache. 

by Simon Fisher, Katerina Kucera & Katherine Cronin
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Hömke & Louise Schubotz

Zum weiterführenden Lesen:

Revisiting Fox and the Origins of Language (link)

Fisher S.E. & Marcus G.F. (2006) The eloquent ape: genes, brains and the evolution of language. Nature Reviews Genetics, 7, 9-20. (link)

Fisher, S.E. & Ridley, M. (2013). Culture, genes, and the human revolution. Science, 340, 929-930.(link)

Zeig oder verberg AntwortWerden sich Sprachen mit der Zeit immer ähnlicher oder unterscheiden sie sich immer mehr voneinander?
Link & Share

Es gibt folgende Annahme bezüglich des Wandels einer Sprache: Spaltet sich eine Sprachgemeinschaft in zwei Gruppen auf, die fortan keinen Kontakt mehr miteinander haben, so entwickelt sich die ehemals gleiche Sprache mit der Zeit immer weiter auseinander. Wenn beide Gruppen wieder in Kontakt miteinander kommen, können sich beide Sprachen jedoch wieder annähern, indem sie bestimmte Bestandteile voneinander übernehmen. In vielen Teilen der Erde ist genau das passiert -bestimmte Bestandteile einer Sprache wurden in andere Sprachen übernommen. Ein aktuelles Beispiel ist das Wort 'Internet', das seinen Weg in viele Sprachen gefunden hat. Als globale Kommunikation noch nicht so ohne weiteres möglich war, beschränkten sich diese Entlehnungen nur auf Sprachen in denselben oder angrenzenden Gebieten. Dadurch konnte es sein, dass sich Sprachen immer ähnlicher wurden. Sprachwissenschaftler nennen das im Englischen areal effects (dt. etwa "gebietliche oder räumliche Effekte"). Bei der Annäherung an eine andere Sprache spielen soziolinguistische Faktoren eine Rolle, wie z.B. Migration oder dass eine Gruppe stärker oder angesehener als die andere ist.

2.17_speechdifferences

Ein weiterer Grund, um Worte oder Regeln aus einer anderen Sprache zu übernehmen, ist  es, wenn diese einfacher zu lernen sind oder dem menschlichen Gehirn “besser passen”. Das ist in etwa so wie in der Biologie, wenn unterschiedliche Arten ähnliche Merkmale entwickeln, wie z.B. Vögel, Fledermäuse und einige Dinosaurier Flügel entwickelt haben.

Es ist inzwischen auch möglich, dass Sprachen aus gegenüberliegenden Gebieten der Erde sich so ändern, dass sie immer ähnlicher zueinander werden. Wissenschaftler haben Merkmale in Wörtern mehrerer Sprachen entdeckt, die anscheinend einen direkten Zusammenhang zwischen dem Klang und der Bedeutung des Wortes zeigen. In vielen Sprachen beinhaltet bspw. das Wort für 'Nase' Buchstaben, die auch durch die Nase gebildet werden, wie "n". Viele Sprachen benutzen dementsprechend auch ein ähnliches Wort um anzuzweifeln, was jemand gesagt hat: "häh?" oder "was?". Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass es kurz ist, sich wie eine Frage anhört und man sehr schnell die Aufmerksamkeit von anderen bekommt.

Es ist schwierig, zu unterscheiden, ob die Worte zweier Sprachen ähnlich sind, weil sie universelle Merkmale enthalten (wie oben beschrieben) oder weil sie voneinander übernommen wurden. Evolutionäre Sprach-wissenschaft versucht, Wege zu finden, um diese Unterschiede deutlich zu machen.

Durch evolutionäre Sprachwissenschaft wird auch eine Frage beantwortet, die der gesamten sprachwissenschaftlichen Forschung zugrunde liegt: Gibt es Grenzen in der Vielfalt von Sprachen? In frühen Theorien wurde davon ausgegangen, dass wir durch unsere Biologie eingeschränkt sind und nur bestimmte Strukturen verarbeiten können.  Allerdings haben Feldforscher in letzter Zeit immer mehr Sprachen dokumentiert, die eine riesige Anzahl an verschiedenen Tönen, Worten und Regeln besitzen. Vielleicht ist es also der Fall, dass jedes Mal, wenn sich zwei Sprachen annähern, sie sich auf eine andere Art und Weise weiter unterscheiden.

 by Seán Roberts & Gwilym Lockwood
Aus dem Englischen übersetzt von Manu Schütze & Katrin Bangel

Some links

Can you tell the difference between languages? (link)
Why is it studying linguistic diversity difficult? (link)
Is ‘huh?’ a universal word? (link)

Further Reading

Nettle, D. (1999). Linguistic Diversity. Oxford: Oxford University Press.

Dingemanse, M., Torreira, F., & Enfield, N. J. (in press). Is “Huh?” a universal word? Conversational infrastructure and the convergent evolution of linguistic items. PLoS One. (link)

Dunn, M., Greenhill, S. J., Levinson, S. C., & Gray, R. D. (2011). Evolved structure of language shows lineage-specific trends in word-order universals. Nature, 473, 79-82. (link)

Zeig oder verberg AntwortWarum wird auf der Welt soviel Englisch gesprochen?
Link & Share

Im Vergleich zu den anderen Antworten auf dieser Seite, kann diese Frage beantwortet werden ohne auf Sprache an sich einzugehen. Englisch wird von vielen, auf Grund der Bedeutung des früheren britischen Weltreiches und des momentanen Einflusses amerikanischer Vorherrschaft in Politik und Wirtschaft, als Weltsprache angesehen.

3.05_

Image: Jurriaan Persyn

Es ist möglich, dies auch auf eine sprachwissenschaftliche Erklärung zurückzuführen. So könnte es sein, dass Englisch eine einfache Sprache ist, die ziemlich schnell gelernt werden kann. Im Englischen gibt es keine Artikel (wie z.B. 'der', 'die' oder 'das' im Deutschen), keine komplexe Wortbildung, es ist keine Tonsprache (wie z.B. Chinesisch) und es benutzt das lateinische Alphabet, welches einzelne Laute im Grunde durch jeweils exakte Symbole (oder Buchstaben) ausdrückt. Außerdem ist Englisch für viele Menschen leicht zugänglich und einfach zu üben, weil es so oft in Film, Fernsehen und Musik gebraucht wird. Auf der anderen Seite besitzt das Englische aber auch einen umfangreichen Wortschatz, sehr unbeständige Rechtschreibung und viele unregelmäßige Verben. Darüber hinaus gibt es schwierige Laute, wie z.B. „th“ und eine Vielzahl an Vokalen, die es schwierig machen, einzelne Worte zu unterscheiden (z.B. 'love' and 'laugh'). Diskussionen darüber, welche Sprachen einfach oder nur schwer zu erlernen sind, drehen sich aber meistens im Kreis, weil jeder Mensch anderer Meinung ist, was denn nun einfach oder schwer beim Lernen ist.

Dass Englisch Weltsprache ist, lässt sich auch historisch erklären. Das Vereinigte Königreich (Großbritannien, damals noch zusammen mit Irland) war eine der ersten Industrienationen. Dadurch konnte es aus entwicklungsschwachen Ländern schneller Kolonien machen als andere europäische Länder. Die Kolonien des britischen Weltreiches entsprachen zur Höchstzeit ungefähr dem Viertel der Erde: Nordamerika, die Karibik, Australien, Neuseeland, viele Länder in West- und Südafrika, Südasien und Teile von Südostasien. Das Vereinte Königreich errichtete englischsprachige Regierungen, Industrien und Produktionsstätten in diesen Gebieten, wodurch sich im Industriezeitalter Englisch als Sprache der globalen Macht etablierte. Das britische Weltreich verschwand zwar nach dem Zweiten Weltkrieg, aber dessen Bedeutung wurde im 20. Jahrhundert nur an eine weitere englischsprachige Großmacht übergeben. Die kulturelle, wirtschaftliche, politische und militärische Vorherrschaft der USA im 20. und 21. Jahrhundert führte dazu, dass Englisch weiterhin die wichtigste und einflussreichste Sprache ist. Als offizielle Sprache in der Geschäftswelt, Wissenschaft, Diplomatie, Kommunikation und IT, (Englisch wird von den meisten Internetseiten gebraucht) wird sich dies in Zukunft auch nicht so schnell ändern.

 Gwilym LockwoodKatrin Bangel
Übersetzt aus dem Englischen von Katrin Bangel & Manu Schuetze

Zeig oder verberg AntwortWie war Sprache ganz am Anfang ihrer Evolution?
Link & Share

Das wissen wir nicht! Es ist eines der größten Rätsel im Bereich der Sprachentwicklung. Im Gegensatz zu Steinwerkzeugen oder Skeletten die versteinern, können wir die menschliche Sprache aus unterschiedlichen Epochen nicht direkt studieren. Wir verfügen über Schriftstücke, die mehr als 6.000 Jahren alt sind und uns helfen können herauszufinden wie Sprachen vor relativ kurzer Zeit gewesen sind. Allerdings weisen neue Forschungsergebnisse darauf hin, dass Menschen vielleicht schon seit 500.000 Jahren Sprachen so benutzen, wie wir sie heutzutage kennen.

Time

Image: Alexandre Duret-Lutz

Um eine Vorstellung davon zu bekommen wie Sprachen sich entwickelt haben könnten, verwenden Wissenschaftler Modellsysteme. Dazu gehören beispielsweise Computermodelle, Experimente mit Versuchspersonen oder die Erforschung von Sprachen, die sich erst in jüngster Zeit entwickelt haben, wie z.b. Gebärdensprache. Wir können uns also nicht sicher sein, wie sich die erste Sprache anhörte, aber wir können herausfinden, wie sich Kommunikationssysteme (weiter-) entwickeln.

Eine Reihe von Experimenten untersuchte z.B. wie sich Kommunikationssysteme entwickeln können. Versuchspersonen konnten sich für eine Weile ausschließlich mithilfe von Zeichnungen verständigen. Dabei fand man heraus, dass Verhandlungen und Feedback bei der Kommunikation für die Entwicklung eines erfolgreichen Kommunikationssystems sehr wichtig sind.

Für ein weiteres Experiment wurde eine Art "Kette" aus Personen gebildet, die eine künstliche Sprache erlernten. Der erste Lernende musste eine Sprache ohne Regeln lernen und dann der nächsten Person in der Kette alles beibringen, an das sie sich erinnern konnte. Diese zweite Person versuchte widerum die Sprache zu lernen und gab ihr Wissen folglich an die dritte Person in der Kette weiter - wie bei dem Spiel „Stille Post”. Auf diese Weise können Forscher den Prozess der Übergabe einer Sprache über mehrere Generationen simulieren. Dies dauert hierbei allerdings nur einen Nachmittag statt Tausende von Jahren. Im Laufe des Experimentes zeigte sich folgendes: Am Anfang gab es viele verschiedene Wörter mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungen, am Ende allerdings mehrere kleine Wörter, die Teilbedeutungen ausdrückten und kombiniert werden konnten. Es entstand also eine Sprache mit gewissen Regeln.

Für einige Wissenschaftler ist also durchaus vorstellbar, dass frühere Sprachen für jede Bedeutung ein eigenes Wort besaßen, diese dann allmählich getrennt wurden und sich Regeln entwickelten. Allerdings gibt es auch andere, die der Meinung sind, dass Sprachen am Anfang ihrer Entwicklung nur kurze Wörter für jede Bedeutung hatten und allmählich gelernt wurde, diese zusammen zu setzen. Einige denken, dass Sprache sich sehr plötzlich entwickelte, während andere widerum meinen die Entwicklung ging sehr langsam von statten. Es gibt einige mit der Meinung, dass sich Teile der Sprache in vielen verschiedenen Orten zur gleichen Zeit entwickelten, und der Kontakt zwischen Gruppen die Ideen zusammen brachte. Manche Wissenschaftler denken sogar, dass frühe Sprachen mehr wie Musik geklungen haben. Und es gibt viele Hinweise darauf, dass die ersten Sprachen Zeichensprachen waren und dass gesprochene Sprachen sich erst später entwickelten.

Schlussendlich scheint es am besten zu sein, dass Wissenschaftler in diesem Bereich kreativ bleiben und immer Wissen verschiedener Bereiche wie Linguistik, Psychologie, Biologie, Neurowissenschaft und Anthropologie integrieren.

 Seán Roberts & Harald Hammarström
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Bangel & Manu Schütze

Experimente zur Sprachentwicklung (Englisch):

Communicating with slide whistles (link)
The iterated learning experiments (link)
Blog posts on language evolution experiments (link1, link2)

Weiterführende Literatur:

Galantucci, B. (2005). An Experimental Study of the Emergence of Human Communication Systems. Cognitive Science, 29, 737-767. (link)

Hurford, J. (forthcoming). Origins of language: A slim guide. Oxford University Press.

Johansson. S. (2005), Origins of Language: Constraints on hypotheses. Amsterdam: John Benjamins.

Kirby, S., Cornish, H. & Smith, K. (2008). Cumulative cultural evolution in the laboratory: An experimental approach to the origins of structure in human language. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 105,10681–10686. (link)

Zeig oder verberg AntwortWarum können Affen nicht sprechen?
Link & Share

Im Vergleich zu Menschen, haben Affen nicht die anatomischen Voraussetzungen um verbale Sprache zu produzieren. Sprachorgane, wie z.B. Kehlkopfmuskeln oder Stimmbänder, können nicht so frei und koordiniert bewegt werden wie beim Menschen, insbesondere nicht mit derselben Geschwindigkeit. Das ist bereits der Hauptgrund weshalb wir nicht mit Affen sprechen können. Allerdings verstehen und imitieren Affen sehr viel (wie man z.B. in diesem Video sieht: link)!

Das Kommunikationsverhalten der Affen ähnelt den Eigenschaften menschlicher Sprache sehr. Wie viele andere Tiere, haben Affen Mittel zur Kommunikation entwickelt, die verbaler Sprache sehr ähnlich sind. Viele Wissenschaftler würden die Zeichensysteme von Tieren aber trotzdem nicht 'Sprache' nennen, weil sie in vieler Hinsicht eingeschränkt sind. Beispielsweise sind die Zeichen dieser Systeme in ihrer Anzahl beschränkt und können nicht zu neuen Bedeutungen miteinander kombiniert werden. Außerdem können Affen nur über Dinge kommunizieren, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden, (z.B. Essen oder Gefahren), während wir über Vergangenheit und Zukunft, als auch Orte und Objekte sprechen können, die nicht gerade zu sehen sind.

4.02apes

Darüber hinaus können Affen nicht sprechen, weil ihnen die kognitive Fähigkeit fehlt, die für komplexe Kommunikationsprozesse notwendig ist. Menschen können z.B. eine eingeschränkte Anzahl an Worten kombinieren, um unendlich viele Äußerungen zu bilden. Wir können kleine Informationseinheiten aneinanderreihen, in eine bedeutungsvolle Struktur bringen und damit eine Geschichte erzählen. Das Gehirn von Affen stellt nicht die kognitiven Ressourcen bereit, um diese Vielfalt an Information zu verarbeiten. Affen können hunderte von Wörtern lernen, sind aber nicht in der Lage, diese auf kreative Weise zu benutzen, um komplexe Bedeutungen und Vorhaben darzustellen. Nach jüngsten Erkenntnissen lagen Gehirnstrukturen, die zur Sprachproduktion notwendig sind, allerdings nicht nur in den Vorfahren des heutigen Menschen, sondern auch in den Vorfahren der Schimpansen vor. So scheint es, dass für die Kommunikation von Schimpansen der Bereich im Gehirn, der für Planung und Produktion von gesprochener Sprache und Zeichensprache notwendig ist (Broca-Areal), eine ähnliche Funktion hat.

 Katrin Bangel & Franziska Hartung
Aus dem Englischen übersetzt von Manu Schütze & Katrin Bangel

Mehr Infos?

Videos zum Thema Tiere und Sprache (link)

Chimps May Have A 'Language-Ready' Brain (link)

Did Neandertals have language? (link)

Pinker, S. (1994). The language instinct: how the mind creates language. New York: William Morrow & Co.

Taglialatela J.P., Russell J.L., Schaeffer J.A., Hopkins W.D. (2008). Communicative signaling activates 'Broca's' homolog in chimpanzees. Current Biology, 18, 343-348. (link)

Zeig oder verberg AntwortInwiefern wird Sprache von anderen Tieren benutzt?
Link & Share

Wir lernen unsere Sprache, benutzen sie um auf Dinge aus einer anderen Zeit oder von einem anderen Ort zu verweisen, kombinieren bekannte Worte um völlig neue Nachrichten zu kreieren und benutzen all das ganz bewusst (d.h. intendiert), um andere Menschen zu informieren. Jedes dieser Merkmale kann auch in den Kommunikationssystemen so manch anderer Spezies gefunden werden:

Lernen

Delfine z.B. entwickeln individuelle Pfiffe, die andere erkennen lässt, wer gepfiffen hat. Zwergseidenäffchen brabbeln wie kleine Kinder und passen dabei ihr Lautrepertoire langsam immer mehr dem der Erwachsenen an. Diese Beispiele zeigen, dass auch Tiere beim Heranreifen ihre Kommunikation ein ganz kleines bisschen formen und verändern.

Bees waggle dance

Image: Chittka L: Dances as Windows into Insect Perception. PLoS Biol 2/7/2004: e216.

Verweisen

Bienen übermitteln dem Rest des Bienenvolkes den Ort von weit entfernter Nahrung durch einen Tanz, den sie im Bienenstock aufführen. Grüne Meerkatzen senden unterschiedliche Alarmrufe aus, je nachdem um welches Raubtier es sich handelt, vor dem sie die anderen warnen. Das Verhalten von Bienen und grünen Meerkatzen zeigt, dass bei Tieren eingeschränkte Kommunikation, die sich auf bestimmte Dinge bezieht, möglich ist; zumindest wenn sich diese Dinge an anderen Orten befinden.

Kombinieren

Dafür, dass Tiere Sprache kombinatorisch verwenden, (also die Fähigkeit besitzen, bekannte Elemente zu neuen Nachrichten zu kombinieren), gibt es nur wenig Anhaltspunkte. Allerdings gibt es ein paar wenige Fälle, in denen das der Fall zu sein scheint. Campbell-Meerkatzen kombinieren z.B. Teile einzelner Rufe und kreieren damit neue Bedeutungen, die sich von den ursprünglichen Lauten unterscheiden.

Intendieren

Ob Kommunikation in anderen Arten bewusst verwendet wird, wurde hauptsächlich in der Art untersucht, die uns Menschen am meisten gleicht: Den Schimpansen. Schimpansen verwenden Warnrufe öfter, um unwissenden Gruppenmitgliedern Bescheid zu geben. Artgenossen, die ihrer Meinung nach schon Bescheid wissen, erhalten weniger Warnrufe. Außerdem verändern sie während aggressiver Gefechte ihre Schreie, sobald es jemand anderen gibt, der ihren Feind besiegen könnte.

Trotz jahrzehntelanger Forschung bleibt die Frage, welche Sprachmerkmale einzigartig unter uns Menschen sind, noch immer unbeantwortet. Durch die Vielfalt an effizienten Kommunikationssystemen im Tierreich wäre es aber vielleicht auch interessanter und aufschlussreicher nach Anworten auf die Frage zu suchen: Wie können Kommunikationssysteme von Tieren, die so unterschiedlich von unserem eigenen sind, überhaupt funktionieren?

 Katherine Cronin & Judith Holler
Aus dem Englischen übersetzt von Manu Schuetze & Katrin Bangel

Mehr Infos?

Videos zum Thema Tiere und Sprache (link)

Fedurek, P., & Slocombe, K. E. (2011). Primate Vocal Communication: A Useful Tool for Understanding Human Speech and Language Evolution? Human Biology, 83, 153-173. (link)

Janik, V. M. (2013). Cognitive skills in bottlenose dolphin communication. Trends in Cognitive Sciences, 17, 157-159. (link)

Zeig oder verberg AntwortGibt es Gene, die Menschen zu besseren Sprechern oder Lernern machen?
Link & Share

Kinder haben die einzigartige (und im Grunde sehr mysteriöse) Begabung, eine Sprache erlernen zu können, ohne gezielt darin unterrichtet worden zu sein. Nach nur wenigen Jahren hat ein "normal" entwickeltes  Kind einen riesigen Wortschatz aufgebaut und kann mit Hilfe von grammatischen Regeln, Worte zu unendlich vielen Äußerungen verbinden. Es ist in der Lage,  diese Äußerungen durch schnelle und präzise Koordination der Sprachmuskulatur auszudrücken und ist ebenso geschickt darin, die Äußerungen von anderen zu entschlüsseln. Seit langem wird vermutet, dass der Schlüssel für diese mysteriöse Begabung irgendwo in unseren Genen liegt. Unser Erbgut enthält jedoch keine Informationen (Worte oder Regeln) über eine bestimmte Sprache an sich. Vielmehr müssen wir jeder Sprache erst einmal ausgesetzt sein, um sie zu lernen. Ein Kind, das von deutschsprachigen Menschen umgeben aufwächst, wird fließend Deutsch sprechen. Wächst dasselbe Kind in einem japanischen Umfeld auf, wird es fließend japanisch sprechen. Unsere Gene helfen uns dabei, bestimmte Verbindungen im Gehirn auszubilden, die wichtig sind, um Sprache aus unserer Umgebung herauszufiltern.

2.15Genes

Jahrelang konnte über den Einfluss, den Gene auf unsere Sprache haben, nur spekuliert werden. Mit Hilfe neuer molekularer Verfahren konnten Wissenschaftler nun damit beginnen, einzelne Gene, die für Sprache wichtig sein könnten, zu identifizieren und zu untersuchen. Bisher hat sich ein Großteil der Forschung auf Gene konzentriert, die für Sprachprobleme verantwortlich sein könnten, die keine andere Ursachen haben (wie z.B. Taubheit oder geistige Behinderung). Selbstverständlich spielt hier nicht nur ein einzelnes Gen eine Rolle, sondern eine Vielzahl an Genen die sich gegenseitig beeinflussen. Einige Gene haben einen größeren Einfluss als andere. Sehr wichtig ist das FOXP2 Gen. Es ist das erste Gen, das mit der Vererbung von Sprachstörungen in Verbindung gebracht wurde. Liegt bei einem Kind eine störende Mutation dieses Gens vor, fällt es ihm schwerer zu lernen, wie Sprachlaute miteinander verbunden werden. Diese Schwierigkeiten wird es das ganze Leben über begleiten. Im Vergleich zu diesen seltenen, schwerwiegenden Mutationen von FOXP2 gibt es genetische Veränderungen,  die häufiger auftreten und schwächere Auswirkungen haben, z.B. in CNTNAP2, ATP2C2 oder CMIP. Liegt eine Mutation an diesen Genen vor, besteht ein höheres Risiko für geringe aber wesentliche Sprachprobleme.

Während recht viel darüber bekannt ist, welche genetischen Veränderungen zu Sprachproblemen führen können, ist bisher noch wenig darüber bekannt, inwiefern Gene einen Einfluss darauf haben, ob jemand besonders gut eine Sprache erlernen kann. Einige der Gene, die eine Rolle bei Sprachproblemen spielen, wie z.B. CNTNAP2, haben wahrscheinlich auch einen Einfluss auf die Entwicklung und Beherrschung der Sprache von Menschen, die keine Störungen haben. Allerdings sind weitere Studien notwendig, um die Gene zu enthüllen, die einigen Menschen einen Vorteil beim Sprachenerwerb zu verschaffen scheinen. Ein weiterer spannender Schritt wird es sein, neuste genetische Methoden zu verwenden, um die andere Seite des Spektrums zu betrachten: Menschen mit besonderen Fähigkeiten, Sprachen zu lernen.

Katerina Kucera & Simon Fisher
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Bangel & Manu Schuetze

Weiterführende Literatur:

The Language Fossils Buried in Every Cell of Your Body (link)

Graham S.A., Fisher, S.E. (2013). Decoding the genetics of speech and language. Current Opinion in Neurobiology, 23, 43-51. (link)

Rosenfeld, J. & Schönweiler R. (2011). Genetik der Sprache. Sprache Stimme Gehör, 35, 71.

About MPI

This is the MPI

The Max Planck Institute for Psycholinguistics is an institute of the German Max Planck Society. Our mission is to undertake basic research into the psychological,social and biological foundations of language. The goal is to understand how our minds and brains process language, how language interacts with other aspects of mind, and how we can learn languages of quite different types.

The institute is situated on the campus of the Radboud University. We participate in the Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour, and have particularly close ties to that institute's Centre for Cognitive Neuroimaging. We also participate in the Centre for Language Studies. A joint graduate school, the IMPRS in Language Sciences, links the Donders Institute, the CLS and the MPI.

 

Schicken Sie eine Frage an die Forscher vom MPI:

Outlined font 1,5 pt wide cirkle 3 pt.


Dieses Projekt wurde von Katrien Segaert, Katerina Kucera und Judith Holler ins Leben gerufen.

Im Moment wird dieses Projekt koordiniert von:
Katerina Kucera
Sean Roberts
Agnieszka Konopka
Gwilym Lockwood
Connie de Vos

Ehemalige Mitglieder:
Joost Rommers
Mark Dingemanse