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Gibt es etwas, das Sie schon immer über Sprache wissen wollten? Vielleicht haben wir die Antwort! Forscher vom Max Planck Institut für Psycholinguistik beantworten hier Fragen über Sprache von Menschen, die selber keine Sprachforscher sind. Falls Sie auch eine Frage über Sprache haben, schicken Sie sie uns hier! MPI Forscher schreiben regelmäβig Antworten auf die uns zugesendeten Fragen und machen diese über die hiesige webpage einsehbar. Besuchen Sie uns wieder, um durch zukünftige Fragen und Antworten mehr über Sprache zu lernen.

Zeig oder verberg AntwortBeeinflussen geschlechtsanzeigende Artikel allgemeine Gedankengänge?
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Sprachen organisieren ihre Substantive (auch Nomen genannt) auf unterschiedliche Art und Weise. Manche haben gar keine Klassifizierung der Substantive (z. B. Englisch: jedes Substantiv kann durch „it“ ersetzt werden), manche haben zwei Klassen (z. B. Französisch: jedes Substantiv ist entweder männlich oder weiblich), manche haben sogar 16 (z. B. Swahili: verschiedene Klassen für belebte Dinge, unbelebte Dinge, Werkzeuge, Früchte, …). Manche Sprachen mit zwei Substantivklassen unterscheiden zwischen männlich und weiblich (z. B. Französisch), manche zwischen ‚gemeinsam‘ (männlich und weiblich) und neutral (z. B. Niederländisch). All diese Sprachen unterscheiden sich offenkundig auf der Ebene ihres sogenannten ‚grammatikalischen Geschlechtssystems‘. Während westeuropäische Sprachen eventuell den Eindruck erzeugen, dass grammatikalische Geschlechter vor allem die Artikel vor Substantiven beeinflussen (e.g. „der“, „die“, oder „das“ im Deutschen), werden oft auch die Substantive selbst, sowie andere Wörter die mit ihnen in Verbindung stehen,  beeinflusst. Polnisch, zum Beispiel, besitzt gar keine Artikel (als ob es im Englischen das Wort „the“ nicht gäbe), und hat trotzdem ein komplexes Geschlechtssystem welches Adjektive an Substantive angleicht. Die Gründe für diese Unterschiede zwischen den Sprachen bleiben rätselhaft.

Da nun das Geschlechtssystem einer Sprache alle Sätze durchdringt, kann man sich fragen, ob es auch darüber hinaus einen Einfluss auf die Gedankengänge der Sprachnutzer im Allgemeinen hat. Auf den ersten Blick erscheint das unwahrscheinlich. Ein grammatikalisches Geschlechtssystem ist einfach nur ein Regelwerk, um zu bestimmen, wie Wörter verändert werden müssen, wenn sie kombiniert werden. Es gibt keinen ‚tieferen‘ Sinn hinter diesen Regeln. Und doch haben eine Reihe von Experimenten überraschende Resultate zu Tage gefördert.

In den Achtzigern ist Alexander Guiora und seinen Kollegen aufgefallen, dass zwei- bis dreijährige hebräischsprechende Kinder (deren Sprache zwischen männlichen und weiblichen Substantiven unterscheidet) ungefähr ein halbes Jahr Vorsprung auf ihre englischsprechenden Altersgenossen haben, was die Entwicklung ihrer sozialen Geschlechtsidentität angeht. Es ist, als ob die Unterscheidung zwischen hebräischen Substantiven diesen Kindern ein Hinweis war, dass ähnliche Geschlechtsunterschiede auch in der natürlichen Umgebung vorkommen.

Auch Erwachsene scheinen grammatikalische Geschlechter zu benutzen, selbst wenn es ihnen keinen Vorteil bringt. Roberto Cubelli und seine Kollegen fragten Versuchspersonen zu entscheiden, ob zwei Objekte der gleichen Kategorie (z. B. Werkzeuge, Möbel etc.) angehören oder nicht. Wenn die Geschlechter der Objekte übereinstimmten, wurden die Entscheidungen schneller gefällt, als wenn sie nicht übereinstimmten. Die Aufgabe beinhaltete nicht das Benennen der Objekte. Trotzdem scheinen die Teilnehmer der Studie das willkürliche Geschlechtssystem ihrer Muttersprache benutzt zu haben.

Edward Segel und Lera Boroditsky fanden den Einfluss grammatikalischer Geschlechter sogar außerhalb des Labors: in einem Lexikon klassischer Malerei. Sie untersuchten alle geschlechtlichen Darstellungen von eigentlich asexuellen Begriffen, wie z. B. Liebe, Gerechtigkeit und Zeit. Es fiel ihnen auf, dass diese Dinge durch männliche Wesen personifiziert wurden, wenn das grammatikalische Geschlecht in der Sprache des Malers auch männlich war (z. B. Französisch: ‚le temps‘) und umgekehrt für weibliche Charaktere (z. B. Deutsch: ‚die Zeit‘). Das dargestellte Geschlecht stimmte mit dem grammatikalischen Geschlecht zu 78% überein, wenn die Sprache des Malers ‚geschlechtlich‘ war, wie zum Beispiel Italienisch, Französisch und Deutsch. Obendrein war der Effekt noch stets präsent, wenn man nur die Begriffe berücksichtigte, die verschiedene Geschlechter in den untersuchten Sprachen hatten.

Diese und ähnliche Studien haben deutlich gezeigt, inwiefern das Klassifizierungssystem für Substantive einen Einfluss auf die allgemeine Wahrnehmung von Sprachnutzern hat. Indem es Leute zwingt, in bestimmten Kategorien zu denken, werden auch generelle Denkgewohnheiten beeinflusst. Dies zeigt recht eindrücklich, dass Gedanken durch die Dinge beeinflusst werden, die man sagen muss, nicht jene, die man sagen kann. Der Effekt grammatikalischer Geschlechter auf allgemeine Gedankengänge zeigt, dass Sprache keine isolierte Fähigkeit ist, sondern im Zentrum vieler Gedankengänge steht.

Geschrieben von Richard Kunert und Gwilym Lockwood

Übersetzt von Richard Kunert

 

Mehr Lektüre:

Segel, E., & Boroditsky, L. (2011). Grammar in art. Frontiers in Psychology, 1,1. doi: 10.3389/fpsyg.2010.00244

Zeig oder verberg AntwortIst es unvermeidbar, dass das regelmäßige Sprechen einer Fremdsprache unsere eigene Muttersprache beeinflusst?
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Viele Menschen, die eine Fremdsprache lernen oder häufig mit Menschen in Kontakt sind, die eine Fremdsprache lernen, bemerken, dass die Art und Weise, wie wir die Fremdsprache sprechen stark von unserer Muttersprache beeinflusst wird. Oft ist ein charakteristischer, nicht-muttersprachlicher Akzent erkennbar und es kommt vor, dass die Sprecher Wörter oder falsche grammatische Strukturen in der Fremdsprache verwenden, die sie so aus ihrer Muttersprache übernehmen. Ein weniger bekanntes Phänomen ist jedoch, dass das Sprechen einer Fremdsprache die eigene Muttersprache beeinflusst.

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Menschen, die beginnen regelmäßig eine Fremdsprache zu sprechen (zum Beispiel nachdem sie ins Ausland gezogen sind), bemerken, dass es ihnen manchmal schwer fällt, sich an Wörter der Muttersprache zu erinnern. Es kommt häufig vor, dass sich diese Menschen Wörter aus der Fremdsprache "leihen" wenn sie ihre Muttersprache sprechen. Niederländer, die zum Beispiel häufig Englisch sprechen, verwenden beim Sprechen der Muttersprache vermehrt englische Wörter, für die es im Niederländischen keine direkte Übersetzung gibt (so z.B. das Wort native). Sie verwenden manchmal auch wörtliche Übersetzungen von englischen Redewendungen, die im Niederländischen jedoch anders gebildet werden (z.B. take a photo heißt wörtlich übersetzt ein Foto nehmen, bedeutet allerdings ein Foto machen).

Experimentelle Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten haben gezeigt, dass diese Einflüsse auf  verschiedenen sprachlichen Ebenen erkennbar sind. Das bedeutet, dass sowohl die Wortwahl (das muttersprachliche Lexikon), der Satzbau (die Syntax) als auch die Aussprache der Muttersprache der Fremdsprache beeinflusst werden können. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass alle Sprachen, die wir beherrschen, beim Sprechen automatisch ko-aktiviert werden.  Das bedeutet, wenn beispielsweise ein Niederländer Deutsch spricht, werden sowohl sein Deutsch als auch sein Niederländisch sowie alle weiteren Sprachen, die diese Person spricht, zur selben Zeit aktiviert. Diese Ko-Aktivierung ist eine sehr wahrscheinliche Ursache für die oben beschriebenen cross-linguistischen Einflüsse.

Heißt das, dass die eigene Muttersprache zwangsläufig und auf allen sprachlichen Eben durch das Lernen einer neuen Sprache beeinflusst wird? Zu einem bestimmten, vielleicht nicht immer offensichtlichen Grad schon. Es gibt jedoch von Sprecher zu Sprecher große individuelle Unterschiede. Der Einfluss der Fremdsprache auf die Muttersprache verstärkt sich mit der Dominanz der Fremdsprache im täglichen Gebrauch und vor allem dann wenn man häufig mit Muttersprachlern interagiert (z.B. wenn man ins Ausland gezogen ist). Weiterhin nimmt der Einfluss mit der Zeit zu. Es ist wahrscheinlicher, dass Menschen, die ins Ausland auswandern, nach 20 Jahren (verglichen mit nur zwei Jahren im Ausland) solche Effekte zeigen, obwohl  natürlich der regelmäßige Gebrauch der Fremdsprache besonders am Anfang ebenfalls einen großen Einfluss hat. Einige Wissenschaftler haben vorgeschlagen, dass individuelle Unterschiede zwischen Menschen stark von kognitiven Fähigkeiten abhängen, also beispielsweise davon wie gut eine Person irrelevante Informationen unterdrücken kann. Jemand, der besser darin ist, irrelevante (z.B. visuelle oder auditive) Informationen zu unterdrücken, sollte also nach dieser Auffassung in der Lage sein, die Einflüsse der Fremdsprache auf die Muttersprache zu minimieren. Es muss betont werden, dass einige dieser Einflüsse sehr subtil sind und in einer normalen Unterhaltung möglicherweise gar nicht erkennbar sind.

Geschrieben von Shiri Lev-Ari und Hans Rutger Bosker

Übersetzt von Florian Hintz und Cornelia Moers

Weiterführende Literatur:

Cook, V. (Ed.). (2003). Effects of the second language on the first. Clevedon: Multilingual Matters.

Zeig oder verberg AntwortWie entsteht Legasthenie?
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Verdacht auf Legasthenie besteht, wenn Kinder trotz normaler Intelligenz eine Lern-, Lese- oder Rechtschreibschwäche haben, ohne dass die Sinnesorgane beeinträchtigt sind. Als Entwicklungsstörung wurde Legasthenie 1890 zum ersten Mal beschrieben. Man vermutete, dass die Ursache der Störung eine Beeinträchtigung beim der Verarbeitung von visuellen Symbolen ist. Dadurch entstand  im Englischen die Bezeichnung 'congenital word blindness'  (also angeborene Wortblindheit). Später fand man jedoch heraus, dass in den meisten Fällen nicht visuelle Defizite für die Legasthenie verantwortlich sind, sondern subtile Sprachschwierigkeiten. Beim Lesenlernen muss ein Kind verstehen, wie Wörter aus individuellen Einheiten (Phonemen) zusammengesetzt werden und lernen diese Phoneme mit Symbolen (Buchstaben) zu verknüpfen. Obwohl die allgemeine Sprachfähigkeit bei Menschen mit Legasthenie in den meisten Fällen normal ist, zeigen sie Schwierigkeiten bei Tests, in denen Lautveränderung und Lautverarbeitung getestet werden; sogar dann, wenn der Test kein Lesen oder Schreiben erfordert.

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Legasthenie wird als Leseschwäche ohne offensichtliche Ursache definiert. Daher ist es denkbar, dass die Bezeichnung 'Legasthenie' nicht nur ein einzelnes Syndrom, sondern ein Netzwerk von verschiedenen Störungen umfasst, denen unterschiedliche Mechanismen zu Grunde liegen. Allerdings ist es schwierig Legasthenie in Untertypen zu unterscheiden. Verschiedenen Studien konnten bereits bedeutende Zusammenhänge von Leseproblemen und anderen Verhaltensmustern aufzeigen. Viele Menschen mit Legasthenie sind z.B. weniger genau, wenn sie schnell ablaufende Reihen von Objekten oder Farben benennen sollen. Einige Forscher glauben, dass Legasthenie als Ergebnis mehrerer kognitiver Defizite auftritt. Derzeit wird noch diskutiert, wie die verschiedenen Verhaltensmuster in einer kohärenten Theorie zusammengefasst werden können.

Es ist bekannt, dass Legasthenie erblich bedingt ist und genetische Faktoren wesentlich zur Anfälligkeit für die Krankheit beitragen. Die genetische Komponente ist jedoch  komplex und sehr heterogen. Dass bedeutet, dass mehrere verschiedene Gene zusammen mit Umgebungsfaktoren zusammenspielen und somit zum Entstehen der Krankheit beitragen. Forscher haben bereits eine Reihe interessanter möglicher Gene gefunden, wie zum Beispiel DYX1C1 , KIAA0319, DCDC2 und ROBO1. Schnelle Fortschritte in der DNA -Sequenzierungs-technologie bieten viel Potential für die Entdeckung weiterer Gene in den kommenden Jahren. Welche neurobiologischen Mechanismen mit Legasthenie assoziiert sind, ist noch weitgehend unbekannt. Eine bekannte Theorie beschreibt Störungen eines Prozesses in der frühen Entwicklung des Gehirns als Ursache.  Beim dem Entwicklungsschritt in dem das Auftreten der Störung vermutet wird, bewegen sich die Gehirnzellen des Fötus zu ihrer Endposition in Gehirn. Dieser Vorgang wird neuronale Migration genannt. Indirekte Belege für diese Hypothese kommen aus Studien von menschlichen Gehirnzellen von Verstorbenen und von Untersuchungen von Funktionen einiger möglicher Gene bei Ratten. Es gibt noch viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor wir die kausalen Mechanismen, die diesem schwer fassbaren Syndrom zugrunde liegen, voll und ganz verstehen.

by Simon Fisher
Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Bangel & Franziska Hartung

Vorschläge zum weiterführenden Lesen:

Carrion-Castillo, A., Franke, B., & Fisher, S. E. (2013). Molecular genetics of dyslexia: an overview. Dyslexia, 19, 214–240. (link)

Demonet J. F., Taylor M. J., & Chaix, Y. (2004). Developmental dyslexia. Lancet, 63, 1451–1460 (link)

Fisher, S. E. & Francks, C. (2006). Genes, cognition and dyslexia: learning to read the genome. Trends in Cognitive Science, 10, 250-257.(link)

Zeig oder verberg AntwortWas ist der Zusammenhang zwischen Bewegung und Sprache?
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Um sprechen zu können, müssen sehr schnelle Bewegungsabläufe geplant und ausgeführt werden. Hierfür sind viele verschiedene Muskelsysteme notwendig. Wenn wir sprechen, arbeiten sowohl unsere Muskeln von Zunge, Lippen und Kiefer als auch die des Kehlkopfes und des Atmungsapparates zusammen. Wie für jede andere Bewegung auch, sind Kontrolle von sinnlicher Wahrnehmung und Sprechbewegung (sensomotorische Kontrolle der Sprache) und Planung der Bewegung (motorische Planung)  zum Sprechen unerlässlich.

Ein Zusammenhang zwischen feinmotorischen Fähigkeiten und Sprachbegabung konnte bereits bei Kindern gezeigt werden. Daher empfehlen Sprachtherapeuten für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung auch Übungen, die die Sensomotorik beanspruchen. Dazu zählen z.B. Fingermalerei, Spiele in Wasser und Sand. Auch Übungen bei denen kleinere Dinge gehandhabt werden, wie das Malen mit Buntstiften  oder etwas zuknöpfen, sind geeignet. Hierdurch werden neue Verbindungen im Gehirn gebildet, die zur Ausübung und zur Kontrolle (feiner) Bewegungen notwendig sind. Deshalb sind Übungen mit den Händen wichtige Therapieelemente, wenn nach einem Schlaganfall oder einer Hirnschädigung Sprachprobleme durch beeinträchtigte Aussprache oder gestörte Bewegungskontrolle bestehen.

Hand8.05http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jbulwer.jpg

Ein weiterer Zusammenhang zwischen Bewegung und Sprache findet sich im Bereich der sprachbegleitenden Gesten. Beim Sprechen benutzen wir sehr häufig Gesten. Diese sind wichtig, um zu verstehen, was unser Gegenüber eigentlich ausdrücken möchte. In Situationen, in denen das Hörverstehen eingeschränkt ist, werden Gesten sogar unentbehrlich, wie z.B. in einer lauten Umgebung oder wenn Menschen in unterschiedlichen Sprachen kommunizieren. Wir sind dabei sehr begabt, anhand von Handbewegungen und Körpersprache herauszufinden, was uns unser Gegenüber mitteilen möchte. Neueste Forschungsergebnisse zeigen sogar, dass bei der Interpretation von Gesten dieselben Hirnregionen wie beim Sprachverständnis beteiligt sind. Und schließlich lässt sich Sprache selbst komplett durch Körperbewegungen ersetzen, wie z.B. durch Hand-, Arm- oder Gesichtsbewegungen, was am Beispiel der Zeichensprache, die von Gehörlosen benutzt wird, deutlich wird.  

 Irina Simanova & David Peeters
aus dem Englischen übersetzt von Katrin Bangel & Manu Schuetze

Weiterlesen?

Gehirn lernt Sprache auch außerhalb des Sprachzentrums. Bewegungszentrum des Gehirns an Spracherwerb beteiligt (link)

Why a Long Island Speech Therapist Incorporates Movement and Sensory Activities into Speech Therapy Sessions (link)

McNeill, David (2012). How Language Began: Gesture and Speech in Human Evolution. New York, USA; United Kingdom: Cambridge University Press. (link)

Zimmer, R. (2012). Mit dem Körper die Sprache entdecken – Lustvolle Zugänge zu Sprache und Literacy. In Hunger, I., Zimmer, R. (Hrsg.), Frühe Kindheit in Bewegung. Entwicklungspotentiale nutzen. Schorndorf: Hofmann. (link)

Zeig oder verberg AntwortWie bilden wir Sprachlaute?
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Die Mehrheit aller Laute wird mithilfe eines Luftstromes gebildet, der von unseren Lungen durch Mund oder Nase wandert. Während die Luft durch den Mundraum wandert, verändern wir unsere Stimmbänder sowie die Form unseres Mundes.

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Um Konsonanten zu bilden, wird im Mundraum entweder eine Verengung gebildet oder der Mund wird ganz verschlossen. Um z.B.  'p' zu sagen, schließen sich unsere  Lippen komplett. Um ein 't' zu auszusprechen, ist es die Zunge, die den Mundraum verschließt und somit den Luftraum kurz stoppt. Es kann bei der Konsonantbildung aber auch eine sehr kleine Lücke frei bleiben, durch die  Luft strömen und dabei ein zischendes Geräusch machen kann. Beim Äußern eines ‘f’ z.B. bilden Lippen und Zähne diese kleine Lücke. Beim ‘s’ hingegen entsteht diese zwischen Zunge und Gaumen.

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Darüber hinaus unterscheiden sich Konsonanten je nachdem wie wir unsere Stimmbänder gebrauchen. Wenn sie dicht zusammen sind und Luft durchströmt, fangen sie an zu vibrieren und es entsteht ein Summen. Sind sie weiter auseinander, bleiben sie still und vibrieren nicht. Selber können Sie diesen Unterschied sehr deutlich merken, wenn Sie ihren Kehlkopf berühren, während Sie 'zzzzz' und 'sssss' sagen. Können Sie fühlen wie die Stimmbänder bei 'zzzzz' vibrieren (man sagt auch, sie sind stimmhaft) und wie die Stimmbänder bei 'sssss' nicht vibrieren (stimmlose Vibration)?

Wenn wir Vokale bilden, ändern wir die Form unseres Mundes indem wir Zunge, Lippen und Kiefer bewegen. Dadurch verformt sich der Mundraum immer wieder und funktioniert im Grunde wie verschiedene akustische Filter, die das Geräusch jeweils verändern. Um 'ie' zu sagen, ruht unsere Zunge zum Beispiel ganz weit vorne im Mund und unsere Lippen sind gespreizt. Im Vergleich dazu liegt unsere Zunge wenn wir 'ö' sagen eher hinten und die Lippen sind gerundet. Und um 'aaa' zu sagen bewegen wir die Zunge noch weiter nach unten, senken den Kiefer und öffnen die Lippen ganz weit.

Darüber hinaus können Laute auch noch anders gebildet werden. Wenn der Luftstrom z.B. durch die Nase wandert, entsteht ein sogenannter nasaler Ton (das wäre dann ein 'm'). In einigen afrikanischen Sprachen bildet die Zunge sogar ein kleines Vakuum bevor sie sich mit einem knallenden Laut löst, wodurch sogenannte Klicklaute entstehen.

 Matthias Sjerps, Matthias Franken & Gwilym Lockwood
Aus dem Englischen übersetzt von Manu Schuetze & Katrin Bangel

Weiterlesen?

Hartwig Eckert & John Laver (1994). Menschen und ihre Stimmen. Weinheim: Beltz, ISBN 3-621-27203-8.

Jörg Meibauer u. a.(2002). Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgar: Metzler Verlag. (link)

Ladefoged, P. (1996). Elements of acoustic phonetics (second ed.) (link)

Zeig oder verberg AntwortSprechen wir im Schlaf anders als tagsüber?
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Wir tun viele Dinge im Schlaf. Wir bewegen uns, nuscheln, lachen und manchmal flüstern oder sprechen wir sogar. Das Sprechen im Schlaf (auch Somniloquie genannt) kann in jedem Alter und in allen Phasen des Schlafes auftauchen. Aber was ist der Unterschied zwischen dieser Art des Sprechens und normaler Alltagssprache ?

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Image: Paul Sapiano

Sprechfehler machen wir sowohl im Schlaf als auch wenn wir wach sind. Im Schlaf kommen Fehler allerdings häufiger vor. So kommt es häufiger zu Wortfindungsstörungen oder Verwechslungen einzelner Buchstaben, z.B. Tartengor statt Gartentor. Darüber hinaus können wir uns im Schlaf durchaus so anhören, wie Menschen, die an einer Sprachstörung leiden (z.B. Aphasie durch Hirnschädigung). Manchmal ähnelt unsere Sprache im Schlaf sogar der von Schizophreniepatienten, weil unsere Äußerungen dann nicht direkt miteinander verbunden sind und dadurch ohne Sinn und zusammenhanglos erscheinen. Außerdem sprechen wir im Schlaf viel undeutlicher und es können beim Sprechen so genannte Neologismen entstehen, also frei erfundene Wörter.

Trotz dieser Unterschiede ist es allerdings bemerkenswert, wie ähnlich wir im Schlaf im Vergleich zu tagsüber sprechen. Beim Schlafen können durchaus vollständige Sätze gebildet werden, deren Satzstrukturen korrekt sind. Es tauchen immer wieder Anekdoten auf, in denen einige Menschen im Schlaf sogar wortgewandter und kreativer sind, als im wachen Zustand (z.B. wenn wir eine zweite Sprache sprechen).

Im Schlaf zu sprechen ist an sich keine psychische Störung, kann aber zusammen mit anderen Schlafstörungen auftreten, z.B. beim Schlafwandeln (Somnambulismus). Außerdem sprechen Menschen nach einem traumatischen Ereignis, (z.B. Soldaten, die im Krieg gekämpft haben), im Schlaf generell mehr als Menschen, die noch nie ein traumatisches Erlebnis hatten. Neben diesen äußeren Faktoren, die das Sprechen im Schlaf beeinflussen können, wurden auch mögliche genetische Ursachen festgestellt. Die Chancen sind viel höher, irgendwann einmal im Schlaf zu sprechen, wenn auch die Eltern regelmäßig im Schlaf sprechen.

Im Endeffekt sprechen wir also im Schlaf nicht so viel anders, als man (anfangs) vielleicht vermuten würde. Der größte Unterschied lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass man beim Schlafen weniger Kontrolle über das Gesagte hat, als wenn man wach ist. Oder wie es The Romantics bereits 1984 sangen: I hear the secrets that you keep; When you're talking in your sleep; and I know that I’m right, cause I hear it in the night. (Ich höre die Geheimnisse, die du verbirgst, wenn du im Schlaf redest, und ich weiß, ich habe recht, denn ich höre es in der Nacht.) Ob das allerdings wirklich stimmt, wurde noch nicht wissenschaftlich untersucht.

 David Peeters & Roel M. Willems
Aus dem Englischen übersetzt von Manu Schütze & Katrin Bangel

Weiterführende Literatur:

Parasomnien und Störungen des Schlaf- Wachrythmus (link)

Arkin, A. (1981). Sleep talking. Psychology and psychophysiology. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.

About MPI

This is the MPI

The Max Planck Institute for Psycholinguistics is an institute of the German Max Planck Society. Our mission is to undertake basic research into the psychological,social and biological foundations of language. The goal is to understand how our minds and brains process language, how language interacts with other aspects of mind, and how we can learn languages of quite different types.

The institute is situated on the campus of the Radboud University. We participate in the Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour, and have particularly close ties to that institute's Centre for Cognitive Neuroimaging. We also participate in the Centre for Language Studies. A joint graduate school, the IMPRS in Language Sciences, links the Donders Institute, the CLS and the MPI.

 

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Dieses Projekt wurde von Katrien Segaert, Katerina Kucera und Judith Holler ins Leben gerufen.

Im Moment wird dieses Projekt koordiniert von:
Katerina Kucera
Sean Roberts
Agnieszka Konopka
Gwilym Lockwood
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