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Gibt es etwas, das Sie schon immer über Sprache wissen wollten? Vielleicht haben wir die Antwort! Forscher vom Max Planck Institut für Psycholinguistik beantworten hier Fragen über Sprache von Menschen, die selber keine Sprachforscher sind. Falls Sie auch eine Frage über Sprache haben, schicken Sie sie uns hier! MPI Forscher schreiben regelmäβig Antworten auf die uns zugesendeten Fragen und machen diese über die hiesige webpage einsehbar. Besuchen Sie uns wieder, um durch zukünftige Fragen und Antworten mehr über Sprache zu lernen.

Gibt es ein Sprachgen das andere Spezies nicht besitzen?

Sprache ist einzigartig in unserer natürlichen Welt und sie ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was den Mensch zum Menschen macht. Obwohl auch andere Spezies über eigene komplexe Kommunikationssysteme verfügen, können selbst unsere nächsten lebenden Verwandten unter den Primaten nicht sprechen, zum Teil, weil sie ihre Lautäußerungen nicht ausreichend kontrollieren können. Einige Schimpansen und Bonobos konnten zwar nach Jahren intensiven Trainings eine rudimentäre Zeichensprache erlernen, selbst diese Ausnahmefälle sind jedoch nichts im Vergleich zu einem sich normal entwickelnden menschlichen Kleinkind, das Sprache spontan und innovativ gebrauchen kann, um Gedanken und Ideen über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auszudrücken.

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Mit Sicherheit spielen Gene eine wichtige Rolle bei der Ergründung dieses Rätsels.  Es gibt jedoch kein „Sprach-Gen” oder „Gen für Sprache”, also ein spezielles Gen, das uns mit dieser einzigartigen Fähigkeit ausstattet. Gene bestimmen unsere kognitive Leistung oder unser Verhalten nicht direkt. Vielmehr enthalten sie Blaupläne für Proteine, die ihrerseits Funktionen innerhalb der Körperzellen übernehmen. Einige dieser Proteine haben signifikante Auswirkungen auf die Eigenschaften von Hirnzellen, beispielweise indem sie beeinflussen wie sich diese Zellen teilen, wie sie wachsen und Verbindungen mit anderen Hirnzellen herstellen. Diese Prozesse sind ihrerseits dafür verantwortlich wie unser Gehirn funktioniert, und dazu gehört auch das Sprechen und Verstehen von Sprache. Es ist also gut möglich, dass evolutionsbedingte Veränderungen in bestimmten Genen einen Einfluss darauf hatten, wie die menschlichen Hirnregionen vernetzt sind und somit eine Rolle gespielt haben bei der Entstehung von Sprache. Wahrscheinlich tragen Veränderung in mehreren Genen, nicht nur in einem “magischen Sprachgen” dazu bei. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass entscheidende Gene plötzlich, quasi aus dem Nichts in unserer Spezies aufgetreten sind.

Aus biologischer Sicht gibt es starke Hinweise darauf, dass die menschliche Sprachfähigkeit auf Modifikationen von Gen-Netzwerken basiert die tiefer in der Entwicklungsgeschichte verankert sind. Ein überzeugendes Argument hierfür liefern Studien zu FOXP2 (ein Gen, das in den Medien fälschlicher Weise häufig als das sagenhafte “Sprachgen” dargestellt wird). Es stimmt zwar das FOXP2 relevant ist für Sprache – die Rolle dieses Gens für die menschliche Sprache wurde ursprünglich entdeckt weil eine Unterbrechung des Gens durch seltene Mutationen eine schwere Sprech- und Sprachstörung verursachen. Aber FOXP2 findet sich nicht allein beim Menschen. Ganz im Gegenteil, Varianten dieses Gens finden sich in erstaunlich ähnlicher Form bei vielen Wirbeltieren (unter anderem bei Primaten, Nagetieren, Vögeln, Reptilien und Fischen) und es scheint bei diesen unterschiedlichen Tieren in vergleichbaren Gehirnregionen aktiv zu sein. Singvögel beispielsweise haben ihre eigene Version von FOXP2 die ihnen dabei hilft Singen zu lernen. Eingehende Untersuchungen der verschiedenen Versionen dieses Gens in unterschiedlichen Spezies zeigen, dass es eine Rolle bei der Vernetzung von Gehirnzellen spielt. Das Gen besteht seit vielen Millionen Jahren Evolutionsgeschichte ohne sich viel verändert zu haben, interessanterweise haben aber gerade nach der Abzweigung zum Menschen, d.h., nachdem wir uns von den Schimpansen und Bonobos fort entwickelt haben, mindestens zwei kleine aber interessante Veränderungen in FOXP2 stattgefunden. Wissenschaftler untersuchen nun diese Veränderungen um Herauszufinden, wie sie die Entwicklung von Verbindungen im menschlichen Gehirn beeinflusst haben, ein Puzzleteil bei der Erforschung des Ursprungs unserer Sprache. 

by Simon Fisher, Katerina Kucera & Katherine Cronin
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Hömke & Louise Schubotz

Zum weiterführenden Lesen:

Revisiting Fox and the Origins of Language (link)

Fisher S.E. & Marcus G.F. (2006) The eloquent ape: genes, brains and the evolution of language. Nature Reviews Genetics, 7, 9-20. (link)

Fisher, S.E. & Ridley, M. (2013). Culture, genes, and the human revolution. Science, 340, 929-930.(link)

About MPI

This is the MPI

The Max Planck Institute for Psycholinguistics is an institute of the German Max Planck Society. Our mission is to undertake basic research into the psychological,social and biological foundations of language. The goal is to understand how our minds and brains process language, how language interacts with other aspects of mind, and how we can learn languages of quite different types.

The institute is situated on the campus of the Radboud University. We participate in the Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour, and have particularly close ties to that institute's Centre for Cognitive Neuroimaging. We also participate in the Centre for Language Studies. A joint graduate school, the IMPRS in Language Sciences, links the Donders Institute, the CLS and the MPI.

 

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Dieses Projekt wurde von Katrien Segaert, Katerina Kucera und Judith Holler ins Leben gerufen.

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