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Gibt es etwas, das Sie schon immer über Sprache wissen wollten? Vielleicht haben wir die Antwort! Forscher vom Max Planck Institut für Psycholinguistik beantworten hier Fragen über Sprache von Menschen, die selber keine Sprachforscher sind. Falls Sie auch eine Frage über Sprache haben, schicken Sie sie uns hier! MPI Forscher schreiben regelmäβig Antworten auf die uns zugesendeten Fragen und machen diese über die hiesige webpage einsehbar. Besuchen Sie uns wieder, um durch zukünftige Fragen und Antworten mehr über Sprache zu lernen.

Ist es unvermeidbar, dass das regelmäßige Sprechen einer Fremdsprache unsere eigene Muttersprache beeinflusst?

Viele Menschen, die eine Fremdsprache lernen oder häufig mit Menschen in Kontakt sind, die eine Fremdsprache lernen, bemerken, dass die Art und Weise, wie wir die Fremdsprache sprechen stark von unserer Muttersprache beeinflusst wird. Oft ist ein charakteristischer, nicht-muttersprachlicher Akzent erkennbar und es kommt vor, dass die Sprecher Wörter oder falsche grammatische Strukturen in der Fremdsprache verwenden, die sie so aus ihrer Muttersprache übernehmen. Ein weniger bekanntes Phänomen ist jedoch, dass das Sprechen einer Fremdsprache die eigene Muttersprache beeinflusst.

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Menschen, die beginnen regelmäßig eine Fremdsprache zu sprechen (zum Beispiel nachdem sie ins Ausland gezogen sind), bemerken, dass es ihnen manchmal schwer fällt, sich an Wörter der Muttersprache zu erinnern. Es kommt häufig vor, dass sich diese Menschen Wörter aus der Fremdsprache "leihen" wenn sie ihre Muttersprache sprechen. Niederländer, die zum Beispiel häufig Englisch sprechen, verwenden beim Sprechen der Muttersprache vermehrt englische Wörter, für die es im Niederländischen keine direkte Übersetzung gibt (so z.B. das Wort native). Sie verwenden manchmal auch wörtliche Übersetzungen von englischen Redewendungen, die im Niederländischen jedoch anders gebildet werden (z.B. take a photo heißt wörtlich übersetzt ein Foto nehmen, bedeutet allerdings ein Foto machen).

Experimentelle Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten haben gezeigt, dass diese Einflüsse auf  verschiedenen sprachlichen Ebenen erkennbar sind. Das bedeutet, dass sowohl die Wortwahl (das muttersprachliche Lexikon), der Satzbau (die Syntax) als auch die Aussprache der Muttersprache der Fremdsprache beeinflusst werden können. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass alle Sprachen, die wir beherrschen, beim Sprechen automatisch ko-aktiviert werden.  Das bedeutet, wenn beispielsweise ein Niederländer Deutsch spricht, werden sowohl sein Deutsch als auch sein Niederländisch sowie alle weiteren Sprachen, die diese Person spricht, zur selben Zeit aktiviert. Diese Ko-Aktivierung ist eine sehr wahrscheinliche Ursache für die oben beschriebenen cross-linguistischen Einflüsse.

Heißt das, dass die eigene Muttersprache zwangsläufig und auf allen sprachlichen Eben durch das Lernen einer neuen Sprache beeinflusst wird? Zu einem bestimmten, vielleicht nicht immer offensichtlichen Grad schon. Es gibt jedoch von Sprecher zu Sprecher große individuelle Unterschiede. Der Einfluss der Fremdsprache auf die Muttersprache verstärkt sich mit der Dominanz der Fremdsprache im täglichen Gebrauch und vor allem dann wenn man häufig mit Muttersprachlern interagiert (z.B. wenn man ins Ausland gezogen ist). Weiterhin nimmt der Einfluss mit der Zeit zu. Es ist wahrscheinlicher, dass Menschen, die ins Ausland auswandern, nach 20 Jahren (verglichen mit nur zwei Jahren im Ausland) solche Effekte zeigen, obwohl  natürlich der regelmäßige Gebrauch der Fremdsprache besonders am Anfang ebenfalls einen großen Einfluss hat. Einige Wissenschaftler haben vorgeschlagen, dass individuelle Unterschiede zwischen Menschen stark von kognitiven Fähigkeiten abhängen, also beispielsweise davon wie gut eine Person irrelevante Informationen unterdrücken kann. Jemand, der besser darin ist, irrelevante (z.B. visuelle oder auditive) Informationen zu unterdrücken, sollte also nach dieser Auffassung in der Lage sein, die Einflüsse der Fremdsprache auf die Muttersprache zu minimieren. Es muss betont werden, dass einige dieser Einflüsse sehr subtil sind und in einer normalen Unterhaltung möglicherweise gar nicht erkennbar sind.

Geschrieben von Shiri Lev-Ari und Hans Rutger Bosker

Übersetzt von Florian Hintz und Cornelia Moers

Weiterführende Literatur:

Cook, V. (Ed.). (2003). Effects of the second language on the first. Clevedon: Multilingual Matters.

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The Max Planck Institute for Psycholinguistics is an institute of the German Max Planck Society. Our mission is to undertake basic research into the psychological,social and biological foundations of language. The goal is to understand how our minds and brains process language, how language interacts with other aspects of mind, and how we can learn languages of quite different types.

The institute is situated on the campus of the Radboud University. We participate in the Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour, and have particularly close ties to that institute's Centre for Cognitive Neuroimaging. We also participate in the Centre for Language Studies. A joint graduate school, the IMPRS in Language Sciences, links the Donders Institute, the CLS and the MPI.

 

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