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Gibt es etwas, das Sie schon immer über Sprache wissen wollten? Vielleicht haben wir die Antwort! Forscher vom Max Planck Institut für Psycholinguistik beantworten hier Fragen über Sprache von Menschen, die selber keine Sprachforscher sind. Falls Sie auch eine Frage über Sprache haben, schicken Sie sie uns hier! MPI Forscher schreiben regelmäβig Antworten auf die uns zugesendeten Fragen und machen diese über die hiesige webpage einsehbar. Besuchen Sie uns wieder, um durch zukünftige Fragen und Antworten mehr über Sprache zu lernen.

Warum können mehrsprachige Menschen nach einem Schlaganfall manchmal nur noch eine ihrer beiden Sprachen sprechen?

Bei einem Schlaganfall ist die Blutzufuhr in bestimmten Hirnarealen kurzeitig gestört. Das passiert entweder durch eine Gehirnblutung oder durch die Blockierung eines Blutgefäßes. Wenn der Schlaganfall Hirnareale betrifft, die eine wichtige Rolle für Sprache spielen, können Sprachfunktionen teilweise oder sogar ganz verloren gehen. Dies wird Aphasie genannt. Mit viel Zeit, der richtigen Behandlung und Rehabilitation kann eine Aphasie in manchen Fällen zumindest zu einem gewissen Grad geheilt werden. Menschen, die mehr als eine Sprache sprechen, also Zwei- bzw. Mehrsprachige, können sich auf verschiedene Weisen von einem Schlaganfall erholen. Der wahrscheinlichste Fall ist, dass der Patient die Sprachfertigkeit in beiden Sprachen auf eine ähnliche Weise gleich wiedererlangt (parallele Aphasie). In einigen Fällen wird eine der Sprachen jedoch unverhältnismäßig schnell und besser wiedererlangt als die andere(n) Sprache(n) (selektive Aphasie).

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Die Bekanntheit der Fälle von selektiver Aphasie bei mehrsprachigen Patienten sorgte dafür, dass Forscher anfänglich annahmen, verschiedene Sprachen seien in verschiedenen Hirnarealen gespeichert. Dank bildgebender Verfahren in der Neurowissenschaft wissen wir heute jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil, auch wenn eine Person viele unterschiedliche Sprachen spricht, werden stets die gleichen Gehirnregionen aktiviert. Während wir leider noch immer nicht vollständig  verstehen, wie unser Gehirn dazu in der Lage ist, mehrere Sprachen zu beherrschen, so kennen wir doch bereits einige Faktoren, die einen Einfluss darauf zu haben scheinen, bis zu welchen Grad ein mehrsprachiger Patient seine Fähigkeit zu sprechen wiedererlangen wird. Wenn eine Sprache zum Beispiel weniger gut beherrscht wurde, wird diese vermutlich nicht so gut wiedererlangt wie die Sprache, die besser beherrscht wurde. Das bedeutet je automatischer eine Fähigkeit ist, desto leichter ist es diese nach einem Schlaganfall wieder zu erlangen. Fähigkeiten, die viel Mühe kosten, wie das sprechen einer Sprache, die man kaum benutzt, sind hingegen viel schwieriger wieder zu erlangen. Soziale Faktoren und emotionale Verbundenheit spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, wenn wir verstehen wollen, welche Sprache nach einem Schlaganfall wiedererlangt wird. Hierbei kommt es zum Beispiel darauf an wie häufig eine Sprache verwendet wird oder welche Gefühle wir mit einer Sprache verbinden. Obgleich wir wissen, dass diese Faktoren eine wichtige Rolle spielen, muss erst noch erforscht werden wie die Faktoren genau miteinander zusammenhängen, um erfolgreich den Wiedererlangungsprozess einer Sprache vorhersagen zu können.

Eine der derzeitigen Theorien führt selektive Aphasien darauf zurück, dass bei Schlaganfällen Bereiche geschädigt werden, die für bestimmte Kontrollmechanismen zuständig sind. Mehrsprachige Personen müssen beim Gebrauch einer ihrer Sprachen die jeweils anderen unterdrücken bzw. 'ausschalten'. Wenn diese Umschaltmechanismen bei einem Schlaganfall beschädigt werden, kann es passieren, dass der Patient nicht mehr in der Lage ist, beide Sprachen gleichmäßig wiederzuerlangen, weil die Fähigkeit Sprache zu steuern verloren gegangen ist. In einem solchen Fall sieht es so aus als sei eine der Sprachen komplett verloren, jedoch liegt das Problem in den Kontrollmechanismen. Vor kurzem haben Forscher Indizien dafür gefunden, dass Kontrollmechanismen bei zweisprachigen Menschen mit selektiver Aphasie stärker beeinträchtigt sind als bei Patienten mit paralleler Aphasie. Interessanterweise werden beim Wiedererlangen von Sprache nach einem Schlaganfall neuronale Verbindungen zwischen Sprache und Kontrollmechanismen wiederhergestellt. Auch wenn dieser interessante Befund für die Theorie eines Zusammenhangs zwischen selektiver Aphasie und Kontrollmechanismen spricht, ist dies jedoch nur eines von vielen Erklärungsmodellen. Derzeit arbeitet die Forschung daran, ein besseres Verständnis der verschiedenen Faktoren zu erlangen, die den ungewöhnlichen Heilungsverläufen von mehrsprachiger Aphasie nach Schlaganfällen noch zugrunde liegen könnten.

Diana Dimitrova and Annika Hulten

Übersetzt von Franziska Hartung & Louise Schubotz

Fabbro, F. (2001). The bilingual brain: Bilingual aphasia. Brain and Language, 79(2), 201-210. pdf

Green, D. W., & Abutalebi, J. (2008). Understanding the link between bilingual aphasia and language control. Journal of Neurolinguistics, 21(6), 558-576.

Verreyt, N. (2013). The underlying mechanism of selective and differential recovery in bilingual aphasia. Department of Experimental psychology, Ghent, Belgium. pdf

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The Max Planck Institute for Psycholinguistics is an institute of the German Max Planck Society. Our mission is to undertake basic research into the psychological,social and biological foundations of language. The goal is to understand how our minds and brains process language, how language interacts with other aspects of mind, and how we can learn languages of quite different types.

The institute is situated on the campus of the Radboud University. We participate in the Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour, and have particularly close ties to that institute's Centre for Cognitive Neuroimaging. We also participate in the Centre for Language Studies. A joint graduate school, the IMPRS in Language Sciences, links the Donders Institute, the CLS and the MPI.

 

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