TalkLing - an interview with Ronny Bujok
Das Schöne an rhythmischen Gesten
4 August 2026

Ein Interview mit Ronny Bujok.

 

Was war die zentrale Frage Ihrer Dissertation?

Wir gestikulieren ständig, wenn wir kommunizieren. Rhythmische Gesten sind besondere Gesten, die sehr gut auf den Rhythmus unseres Sprechens abgestimmt sind. In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie einfache rhythmische Gesten die Wahrnehmung der dazugehörigen Worte beeinflussen. In den verschiedenen Kapiteln meiner Arbeit habe ich den Einfluss von rhythmischen Gesten auf die Sprachwahrnehmung erforscht und dabei unterschiedliche experimentelle Designs verwendet, um das Ausmaß dieser Effekte und die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse zu verstehen.

 

Können Sie den (theoretischen) Hintergrund etwas genauer erläutern?

Gesten sind so eng mit dem Sprechen verknüpft, dass wir sogar beim Telefonieren gestikulieren, obwohl uns dabei niemand sieht. Die meisten unserer Gesten (etwa 80 %) sind einfache Auf- und Ab- beziehungsweise Seitwärtsbewegungen der Hand, die sogenannten rhythmischen Gesten. Rhythmische Gesten sind ein wichtiges Forschungsgebiet, da sie sehr häufig vorkommen, wir aber vergleichsweise wenig darüber wissen. Das ist vor allem im Vergleich zu selteneren Arten von Gesten der Fall, so wie bei ikonischen Gesten, die ihre Bedeutung visuell darstellen (z. B., indem man eine imaginäre Tasse hält und die Hand an die Lippen führt, um Trinken anzudeuten). Rhythmische Gesten sind zudem relevant, weil sie mit Sprechrhythmus und Intonation – also der Art und Weise, wie unsere Sprechmelodie ansteigt und abfällt – verknüpft sind. Rhythmische Gesten können sogar die Wortwahrnehmung beeinflussen, da ihr Timing beim Sprechen bestimmte Silben hervorheben kann. In einer von mir durchgeführten Studie hörten die Teilnehmenden beispielsweise „CONtent“ (engl. „Inhalt“), wenn sie eine rhythmische Geste auf der ersten Silbe sahen. War dieselbe Aufnahme aber stattdessen von einer rhythmischen Geste auf der zweiten Silbe begleitet, hörten die Teilnehmenden „conTENT“ (engl. „zufrieden“).

 

Warum ist es wichtig, diese Frage zu beantworten?

Wie und in welchem ​​Ausmaß rhythmische Gesten die Sprachwahrnehmung beeinflussen, ist theoretisch interessant, weil es die multimodale Natur von Kommunikation beleuchtet. Kommunikation ist also nicht nur auditiv, sondern auch visuell. Die Untersuchung von rhythmischen Gesten ist besonders faszinierend, weil diese für sich genommen eigentlich bedeutungslos sind. Erst in Kombination mit dem Sprechen erhalten sie Bedeutung und eignen sich daher, um zu untersuchen, wie Sprechen und Gestik multimodal in der Kommunikation integriert werden. Wenn wir mehr über die Rolle von rhythmischen Gesten in der Sprachwahrnehmung herausfinden, kann uns das schließlich helfen zu verstehen, wann Menschen Kommunikationsschwierigkeiten haben (z. B. in bestimmten klinischen Patientengruppen) und wie wir sie unterstützen können.

 

Können Sie uns ein konkretes Projekt beschreiben?

In einer meiner Studien habe ich den Teilnehmenden Sätze wie „The parents bought a crib for the baby“ („Die Eltern kauften ein Kinderbett für das Baby“) präsentiert. Die Teilnehmenden sahen sich Videos an, in denen jemand solche Sätze sagte, und mussten entscheiden, ob das letzte Wort jedes Satzes (d. h. „Baby“) ein echtes Wort war. Beim Sprechen machte die Person im Video auch eine rhythmische Geste, und zwar entweder auf der ersten, der zweiten oder keiner der beiden Silben des letzten Wortes. Dabei habe ich beobachtet, dass die Teilnehmenden schneller reagieren konnten, wenn das Wort von einer rhythmischen Geste begleitet war. Die rhythmischen Gesten haben den Sätzen keine zusätzlichen Informationen hinzugefügt, weil die Wörter gebräuchlich und eindeutig waren. Außerdem ließ sich das letzte Zielwort anhand der vorherigen Informationen im Satz leicht vorhersagen. Trotzdem konnte ich feststellen, dass rhythmische Gesten selbst unter diesen idealen Bedingungen die Worterkennung beschleunigen können.

 

Was hat Sie zur Wahl Ihres Forschungsthemas inspiriert?

Ich denke, was mich am meisten an diesem Thema inspiriert hat, war seine Alltagsnähe. Es ist kein sehr abstraktes Konzept, sondern etwas, das jeder kennt. Wenn man über Gesten und Sprechen redet, weiß jeder, selbst Nicht-Akademiker*innen, worum es geht. Alle haben ihren eigenen Ideen und Beobachtungen. Man bemerkt also nicht nur überall Gesten, sondern das Thema kommt auch häufig und ganz natürlich im Gespräch mit anderen auf. Das generiert nicht nur viele interessante Forschungsideen, sondern die Begeisterung anderer ist auch sehr motivierend für die weitere Forschung.

 

Können Sie einen Moment besonderer Herausforderungen oder eines Misserfolgs während Ihrer Promotion schildern, und beschreiben, wie Sie das bewältigt haben?

Meine Promotion hat mitten in der COVID-Pandemie begonnen. Dadurch war es sehr schwierig, die Studienteilnehmer*innen zu testen, und wir mussten unsere Forschungspläne mehrfach anpassen, beispielsweise durch die Umstellung der Rekrutierung auf Online-Verfahren. Dabei führte jede Änderung zu Verzögerungen, Frustration und Unsicherheit. Teilweise konnte ich diese Herausforderungen bewältigen, indem ich flexibel, optimistisch und widerstandsfähig geblieben bin. Vor allem aber hatte ich das große Glück, mit großartigen Kollegen und engagierten Betreuern zusammenzuarbeiten, die mir nach Kräften geholfen haben.

 

Was war der lohnendste oder unvergesslichste Moment während Ihrer Promotion?

Mein allererstes Manuskript wurde mehrfach abgelehnt – selbst nachdem ich zusätzliche Experimente durchgeführt hatte, um auf die Bedenken eines kritischen Gutachters oder Gutachterin einzugehen. Doch das Manuskript wurde immer wieder zurückgeschickt. Auch nach der Einreichung bei einer anderen Fachzeitschrift erhielt ich – erneut begutachtet durch dieselbe kritische Person – Rückmeldungen, die eine Veröffentlichung schier unmöglich erscheinen ließen. Gerade zu Beginn der Laufbahn ist das sehr entmutigend. Nachdem ich das Manuskript dann jedoch bei einer weiteren Fachzeitschrift eingereicht hatte, wurde es mit minor revisions angenommen (d. h. unter der Voraussetzung akzeptiert, dass geringfügige Überarbeitungen durchgeführt werden; Anm. d. Ü.); nach einem so langen Kampf hat sich das einfach großartig angefühlt. Zudem hat es mir bestätigt, dass meine Arbeit eine Veröffentlichung wert war und andere Forschende den Aufwand zu würdigen wussten, den ich hineingesteckt hatte.

 

Was sind Ihre nächsten Schritte?

Ich würde gern eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Derzeit schließe ich meine erste Postdoc-Stelle am Centre for Language Science der Radboud-Universität ab; dort entwickle ich ein Tool, mit dem Sprachenlernende Feedback zur Prosodie ihrer Zweitsprache Englisch erhalten können. Für die nächste Phase steht bereits eine weitere Postdoc-Stelle fest, in der ich meine Promotionsarbeit zu rhythmischen Gesten fortsetzen werde. Im Rahmen dieser Tätigkeit möchte ich besser verstehen, wie sich rhythmische Gesten auf die Sprachwahrnehmung in anderen Sprachen auswirken. Darüber hinaus möchte ich diesen Forschungszweig ausbauen und die Synchronie sowie die Variabilität von rhythmischen Gesten genauer untersuchen.

 

Credits

  • Interviewer: Bahar Tarakçı

  • Befragter: Ronny Bujok

  • Niederländische Übersetzung: Lieke Herraets
  • Deutsche Übersetzung: Anna Serke 

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