Als ich anfing, in der Schule Spanisch zu lernen, wurde mir erklärt, dass ein Stuhl feminin (la silla) und ein Buch maskulin (el libro) sei. Die Begründung? „Es ist einfach so.“ Wer schon einmal eine Sprache mit grammatischem Geschlecht gelernt hat, kennt das wahrscheinlich. Auf den ersten Blick erscheint es willkürlich. Schließlich haben Stühle kein Geschlecht. Und doch wird ihnen in vielen Sprachen eines zugeschrieben. Wie beeinflusst das die Art und Weise, wie die Sprechenden der Sprache über Geschlecht denken?
In dieser Blogreihe schauen wir uns an, wie Sprache unser kulturelles Verständnis von Geschlecht widerspiegelt, prägt und verändert – von der Grammatik über Sprachmuster bis hin zuden Assoziationen, die Wörter in uns hervorrufen. Doch zunächst die Frage: Was bedeutet es eigentlich, wenn eine Sprache Geschlecht hat?
Eine Brücke bleibt eine Brücke - egal, wie man sie nennt
Um eines sei vorwegzunehmen: Grammatisches Geschlecht und menschliches Geschlecht sind nicht dasselbe. Grammatisches Geschlecht bezieht sich auf die Art und Weise, wie manche Sprachen Substantive in Klassen einteilen. Aus diesem Grund bezeichnen Linguisten grammatische Geschlechter oft auch als Substantivklassen.
Manche Sprachen, wie Suaheli, haben so viele Substantivklassen, dass diese üblicherweise nummeriert werden. Andere Sprachen, wie Französisch oder Deutsch, haben deutlich weniger Substantivklassen. In Sprachen mit wenigen Substantivklassen bekommen diese häufig Namen, die auf charakteristischen Wörtern der jeweiligen Klasse basieren. Üblicherweise wird die Klasse, die Wörter wie „Mann“ und „Vater“ umfasst, und bei der Artikel, Adjektive und Pronomen dieselben Formen haben wie bei männlichen Eigennamen, etwa Martin, als „maskulin“ bezeichnet. Entsprechend wird die Klasse, die Wörter wie „Frau“ und „Mutter“ umfasst, und bei der Artikel, Adjektive und Pronomen dieselben Formen haben wie bei weiblichen Eigennamen, etwa Susanne, als „feminin“ bezeichnet.
Obwohl die Benennung dieser Klassen willkürlich ist, haben einige Studien gezeigt, dass die charakteristischen Mitglieder einer Substantivklasse beeinflussen können, wie Sprechende über Wörter dieser Klasse denken. Mit anderen Worten: Kulturelle Normen von Maskulinität und Femininität können prägen, wie Sprechende über Wörter mit maskulinem und femininem grammatikalischem Geschlecht denken.
In einer klassischen Studie baten Boroditsky, Schmidt und Phillips (2003) spanische und deutsche Muttersprachler, verschiedene Objekte zu beschreiben, die in ihren jeweiligen Sprachen unterschiedlichen Substantivklassen angehören. Das Wort für Brücke gehört im Deutschen zur femininen Substantivklasse (die Brücke) und im Spanischen zur maskulinen (el puente). Deutsche Muttersprachler*innen beschrieben Brücken eher als elegant oder schlank (Adjektive, die üblicherweise mit Weiblichkeit assoziiert werden), während spanische Muttersprachler*innen sie als stark oder robust bezeichneten. Die Sprechenden verbanden dasselbe Objekt mit unterschiedlichen mentalen Bildern, je nach Substantivklasse.
Dies zeigt, wie stark kulturelle Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind und wie leicht sie auf so etwas Kleines und Willkürliches wie die Zugehörigkeit einer Brücke zu einer bestimmten Substantivklasse angewendet werden können. Man kann es sich wie das Tragen einer getönten Brille vorstellen. Man sieht zwar noch, was da ist, aber die Farben sind verschoben, selbst in den kleinsten Details.
Kann eine Sprache sexistisch sein?
Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Substantivklassen an sich sexistisch seien. Im Französischen beispielsweise ist der Plural standardmäßig maskulin. Ist auch nur ein Mann in einer Gruppe anwesend, verwenden viele Französischsprachige die grammatikalischen Formen der maskulinen Substantivklasse. Eine Gruppe von neun Frauen und einem Mann? Viele verwenden die maskuline Form von „sie“ (ils) und nicht die feminine (elles). Diese sprachliche Konvention verstärkt eine soziale Hierarchie, in der Männer als erwähnungswürdiger gelten als Frauen.
Aber ist die Sprache selbst dafür verantwortlich? Letztendlich entscheiden die Sprechenden selbst, wie sie eine Sprache verwenden, und viele Französischsprachige entscheiden sich für eine inklusive Ausdrucksweise, indem sie gemischtgeschlechtliche Gruppen beispielsweise als ces personnes („Menschen“, ein feminines Wort) bezeichnen, um feminine Formen zu verwenden. Darüber hinaus dreht sich ein Großteil des öffentlichen Diskurses in Frankreich um die Durchsetzung des bon usage, des „guten Gebrauchs“ der Sprache, was verdeutlicht, dass das, was als „gutes Französisch“ gilt, aktiv und kontinuierlich neu verhandelt werden muss (Fleischmann, 1997). Mit anderen Worten: Französisch an sich ist nicht sexistisch, aber das, was als „gutes Französisch“ gilt, kann es mitunter sein.
Die Spannung zwischen der Art und Weise, wie Sprache unsere Weltsicht sowohl widerspiegelt als auch prägt, zeigt sich deutlich im Spracherwerb von Kindern in Sprachen mit maskulinen und femininen Substantivklassen. Kinder erfassen die Verbindung zwischen Substantivklassen und kulturellen Geschlechternormen schnell, doch scheint dies eine gewisse schulische Förderung zu erfordern. Sera et al. (1994) befragten spanischsprachige Kinder, ob unbelebten Objekten in einem Zeichentrickfilm eine Jungen- oder eine Mädchenstimme gegeben werden sollte. Sie fanden heraus, dass Siebenjährige, aber nicht Fünfjährige, eher die Stimme wählten, die der spanischen Klassifizierung des Objekts entsprach. Anders ausgedrückt: Die Verbindung zwischen Grammatik und Geschlecht wird ebenso sehr erlernt wie gelehrt.
In Kategorien denken
In der Psycholinguistik beschäftigt sich ein Großteil der Forschung mit der Wechselwirkung von grammatischem Geschlecht und Kognition. Wie schnell können Sprechende beispielsweise ein Substantiv aus der maskulinen Substantivklasse im Vergleich zur femininen Substantivklasse abrufen? Werden geschlechtsspezifische Wörter wie „Feuerwehrmann“ im Gehirn anders gespeichert als Wörter ohne geschlechtsspezifisches Merkmal, wie „Mensch“ oder „Schreibtisch“? Studien mit Reaktionszeiten und Blickverfolgung legen nahe, dass grammatikalische Geschlechtsangaben die Verarbeitung und den Zugriff auf Wörter beeinflussen. Wenn eine Sprache die Kennzeichnung des Geschlechts erfordert, gewöhnt sich das Gehirn daran, diese Information als relevant zu behandeln, selbst wenn man dies nicht bewusst wahrnimmt.
Dennoch zeigen auch Sprechende von Sprachen ohne grammatikalisches Geschlecht, wie Englisch oder Mandarin, geschlechtsspezifische Vorurteile – nur auf eine andere Weise. Englischsprachige beispielsweise assoziieren bestimmte Rollen oder Berufe immer noch mit Männern oder Frauen, und diese Assoziationen können beeinflussen, wie schnell sie verwandte Wörter oder Bilder verarbeiten. Geschlecht in der Sprache ist also mehr als nur Grammatik: Es geht um Kultur, Geschichte und darum, wie Sprache und Denken sich gegenseitig beeinflussen.
Referenzen
- Boroditsky, L., Schmidt, L. A., & Phillips, W. (2003). Sex, syntax, and semantics. In D. Gentner & S. Goldin-Meadow (Eds.), Language in Mind: Advances in the Study of Language and Cognition (pp. 61–79). MIT Press.
- Fleischman, S. (1997). The battle of feminism and bon usage: instituting nonsexist usage in French. French Review, 834-844.
- Sera, M. D., Berge, C. A. H., & del Castillo Pintado, J. (1994). Grammatical and conceptual forces on the categorization of objects by sex. Child Development, 65(3), 934–950.
Credits
Autor: Morgane Peirolo
Herausgeber: Anna Mai
Niederländische Übersetzung: Lieke Herraets
Deutsche Übersetzung: Jule Hafermann
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