TalkLing blog: Gender in the mind: how language shapes what we see
Geschlecht im Kopf: Wie Sprache unsere Wahrnehmung prägt
15 September 2026

Ist eine Pflegekraft eine Frau? Ist ein Ingenieur ein Mann? Selbst wenn wir wissen, dass dies nicht den Tatsachen entspricht, füllt unser Gehirn die Lücken oft mit geschlechtsspezifischen Annahmen. In diesem letzten Beitrag unserer Reihe zur Psycholinguistik des Geschlechts schauen wir uns an, wie Sprache die Geschlechtswahrnehmung beeinflusst: Wie nutzen wir mentale Abkürzungen, welche Rolle spielen Pronomen und Berufsbezeichnungen und was bedeutet das für Voreingenommenheit in Denken und Kommunikation?

 

Die Macht der Standardeinstellungen

Betrachten wir folgenden Satz: „Der Chirurg kam ins Zimmer und wies die Pflegekraft an, den Patienten vorzubereiten. Er hatte Verspätung.“ Auf wen bezieht sich das er? Viele stellen sich den Chirurgen vor, doch das verrät mehr über unsere Annahmen als über die Grammatik. Dies ist die grundlegende Erkenntnis hinter der Forschung zu Geschlechterstereotypen in der Sprachverarbeitung.

Banaji und Hardin (1996) nutzten eine clevere Technik, das sogenannte „Priming-Paradigma“, um zu zeigen, dass Leser selbst dann, wenn ein Wort wie Pflegekraft oder Ingenieur ohne Geschlechtsangabe präsentiert wird, ein dem Stereotyp entsprechendes Pronomen (sie für Pflegekraft, er für Ingenieur) schneller erkennen als ein nicht passendes. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Geschlechterstereotype automatisch aktiviert werden, wenn wir Rollensubstantive verarbeiten, oft ohne, dass wir es merken.

Dies ist nicht nur ein Spiegelbild der Kultur, sondern wird zu einer kognitiven Gewohnheit. Und Gewohnheiten, selbst unbewusste, beeinflussen, was wir sehen, erwarten und uns merken.

 

Pronomen sind wichtig

Kleine Wörter können große Wirkung haben. Nehmen wir die Verwendung geschlechtsneutraler Pronomen. Im Englischen ist das geschlechtsneutrale Pronomen „they“ weit verbreitet, sowohl für Einzelpersonen (z. B. Vic forgot their coat (Deutsch: Vic hat die eigene Jacke vergessen)) als auch in allgemeinen Kontexten (z. B. Someone forgot their coat (Deutsch: Jemand hat die eigene Jacke vergessen)). Aber reduziert die Verwendung von „they“ tatsächlich Geschlechterstereotype?

Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin. Eine Studie von Garnham und Yakovlev (2015) zeigte, dass Leser*innen beim Lesen eines Satzes wie „Each engineer submitted their report (Deutsch: Jede*r Ingenieur*in reichte den eigenen Bericht ein.))“ eher an eine Frau dachten, als wenn der Satz ein männliches Pronomen verwendete. Das Pronomen trug dazu bei, Stereotypen aufzulösen und ein breiteres Spektrum an mentalen Bildern zu ermöglichen. Ähnliche Effekte wurden auch für das geschlechtsneutrale Pronomen im Schwedischen berichtet (Tavits & Pérez 2019).

Sprachen, die eine geschlechtsspezifische Kennzeichnung erzwingen, stellen jedoch zusätzliche Herausforderungen dar. Im Deutschen beispielsweise ist die Pluralform „Studenten“ grammatikalisch maskulin, wird aber häufig generisch verwendet. Studien zeigen jedoch, dass Leser*innen sie überwiegend als Bezugnahme auf Männer interpretieren (Gygax et al., 2008). Geschlechtergerechte Formen wie Student*innen oder Studierende tragen nachweislich dazu bei, die Sichtbarkeit von Frauen zu verbessern (Hansen et al., 2016) und werden von einigen Universitäten und anderen Arbeitgebenden offiziell in der Kommunikation verwendet. Dennoch stößt geschlechtergerechte Sprache in einigen Bereichen der deutschen Gesellschaft weiterhin auf Widerstand.

Diese Studien zeigen, dass Sprachveränderungen die Wahrnehmung beeinflussen können. Auch wenn es sich ungewohnt anfühlt, ermutigt uns inklusive Sprache dazu, automatische Annahmen zu hinterfragen und bewusster über unsere Welt nachzudenken.

 

Implizite Vorurteile und mentale Modelle

Aus psycholinguistischer Sicht beeinflussen sich Sprache und Denken ständig gegenseitig. Wir nutzen Sprache, um mentale Modelle zu bilden – Vorstellungen von Situationen, Rollen und Menschen. Wenn geschlechtsspezifische Sprache Stereotype verstärkt, beeinflusst sie diese Modelle.

Ein Beispiel dafür sind Tests zu impliziten Vorurteilen, die die Geschwindigkeit der Assoziation zwischen Konzepten messen (z. B. männlich + Wissenschaftler vs. weiblich + Wissenschaftler). Diese Tests zeigen, wie tief Geschlechterassoziationen in unserer Kognition verankert sind, oft auf eine Weise, die wir bewusst ablehnen.

Die gute Nachricht? Übung macht den Meister. Wiederholte Konfrontation mit Beispielen, die Stereotypen widersprechen (wie etwa Geschichten über männliche Krankenpfleger oder weibliche Mechanikerinnen), kann Vorurteile mit der Zeit abbauen. Sprache spielt dabei eine Schlüsselrolle. Je mehr ausgewogene Geschlechterdarstellungen wir in Sprache, Medien und Alltagsgesprächen sehen, desto flexibler werden unsere kognitiven Kategorien.

 

Referenzen

  • Banaji, M. R., & Hardin, C. D. (1996). Automatic stereotyping. Psychological Science, 7(3), 136–141.
  • Garnham, A., & Yakovlev, Y. (2015). Gender representation in different languages and grammatical marking: A psycholinguistic perspective. Frontiers in Psychology, 6, 1396.
  • Gygax, P., Gabriel, U., Sarrasin, O., Oakhill, J., & Garnham, A. (2008). Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes, 23(3), 464–485.
  • Hansen, K., Littwitz, C., & Sczesny, S. (2016). The social perception of heroes and murderers: Effects of gender-inclusive language in media reports. Frontiers in psychology, 7, 369.
  • Tavits, M., & Pérez, E. O. (2019). Language influences mass opinion toward gender and LGBT equality. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116(34), 16781-16786.

 

Credits

  • Autor: Morgane Peirolo

  • Herausgeber: Anna Mai

  • Niederländische Übersetzung: Lieke Herraets

  • Deutsche Übersetzung: Jule Hafermann

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