Jugendliche haben es in letzter Zeit schwer. Die Generation Z ist unglücklicher und berichtet häufiger von psychischen Problemen als ältere Generationen. Es liegt nahe, die Schuld dafür der anderen großen Veränderung zuzuschreiben, die gleichzeitig eingetreten ist: soziale Medien und Smartphones. Die prominenteste Stimme, die zum Handeln aufruft, ist der Sozialpsychologe Jonathan Haidt, dessen Buch „Generation Angst“ für eine Einschränkung des Zugangs junger Menschen zu sozialen Medien plädiert. Viele sind seinem Aufruf gefolgt, und Australien hat soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren sogar verboten. Obwohl diese Bedenken breite Aufmerksamkeit erregt haben, ist die wissenschaftliche Beweislage weit weniger eindeutig.
Machen soziale Medien tatsächlich unglücklich? Die Forschungsergebnisse sind in der Tat recht uneinheitlich. Einige Studien finden einen geringen negativen Effekt, andere keinen und wieder andere ein gemischtes Bild. Es spielt beispielsweise eine Rolle, ob man aktiv postet und Nachrichten schreibt oder nur passiv scrollt. Allerdings deutet keine der groß angelegten Metaanalysen auf einen starken negativen Einfluss der Social-Media-Nutzung auf das Wohlbefinden hin. Es stellt sich heraus: Es ist komplizierter als gedacht.
Selim Sametoğlu, Postdoktorand am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, hat diese Ergebnisse gesehen und wollte den Zusammenhang verstehen. „Könnte es vielleicht umgekehrt sein?“, fragt er. „Könnte es sein, dass psychische Probleme zu einer stärkeren Nutzung sozialer Medien führen?“
Unsere Genetik könnte hier Aufschluss geben. Sametoğlu untersuchte anhand von Daten der fast 7.000 Teilnehmer des Niederländischen Zwillingsregisters, der größten Datenbank niederländischer Zwillinge, den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden, psychischen Problemen (depressiven und Angstsymptomen) und der Nutzung sozialer Medien. Eineiige Zwillinge teilen nahezu ihre gesamte DNA, während zweieiige Zwillinge im Durchschnitt die Hälfte teilen. Das kann uns helfen, den kombinierten Anteil der Genetik an einem Phänomen wie der Nutzung sozialer Medien abzuschätzen.
Sametoğlu fand heraus, dass individuelle Unterschiede in der Nutzung sozialer Medien teilweise erblich bedingt sind. Genetische Faktoren erklären je nach Messmethode zwischen 36 % und 72 % der Variation. Unsere Genetik erklärt also einen begrenzten, aber trotzdem wesentlichen Teil davon, wie oft wir soziale Medien gebrauchen. Diese Werte liegen im Bereich der meisten psychologischen Messgrößen, wie z. B. Persönlichkeitsmerkmale (ca. 40 %) oder Angststörungen (30–50 %).
Erblichkeit kann man sich wie eine Momentaufnahme vorstellen, weniger wie eine feste Eigenschaft eines Gens: Sie kann sich je nach der Umwelt, in der Menschen aufwachsen, verändern. Sie ist eine Zahl, die das Verhältnis zwischen genetischen und umweltbedingten Anteilen daran angibt, wie unterschiedlich Individuen voneinander sind. Unter anderen Umständen kann dieses Verhältnis völlig anders sein. Darüber hinaus gibt die Erblichkeit die kombinierte Wirkung aller Gene an, nicht die eines einzelnen Gens.
Unsere Genetik trägt zu psychischen Problemen, Wohlbefinden und der Nutzung sozialer Medien bei. Aber handelt es sich dabei um dieselben Gene? Besteht ein genetischer Zusammenhang? Sametoğlu stellt fest, dass sie genetisch verwandt sind, die Überschneidung jedoch eher gering ist. Geringeres Wohlbefinden korreliert genetisch leicht mit höherer Nutzung sozialer Medien (genetische Korrelation zwischen -0,1 und 0), und mehr psychische Probleme korrelieren ebenfalls geringfügig mit der Nutzung sozialer Medien (genetische Korrelation zwischen 0,1 und 0,23). Die genetische Überschneidung ist klein, aber vorhanden.
Die Genetik erklärt jedoch den größten Teil der beobachteten Korrelation. Dies deutet darauf hin, dass ein Teil des Zusammenhangs zwischen der Nutzung sozialer Medien und der psychischen Gesundheit auf gemeinsame genetische Einflüsse zurückzuführen sein könnte. Anders ausgedrückt: Menschen, die genetisch anfälliger für psychische Probleme sind, nutzen soziale Medien möglicherweise auch häufiger intensiv.
Sametoğlu schlägt daher vor, soziale Medien nicht zu verbieten, sondern moderate Maßnahmen zu ergreifen, die den größten Schaden verhindern, wie z. B. Inhaltsmoderation, die Durchsetzung der bereits bestehenden Mindestaltervorgaben der Plattformen und die Aufklärung von Eltern und Kindern über soziale Medien.
Sametoğlu stimmt den Ausführungen von Candice Odgers in ihrem in Nature veröffentlichten Review voll und ganz zu: „Wenn mit der Zeit Zusammenhänge gefunden werden, deuten diese nicht darauf hin, dass die Nutzung sozialer Medien Depressionen vorhersagt oder verursacht, sondern dass junge Menschen mit bereits bestehenden psychischen Problemen solche Plattformen häufiger oder anders nutzen als ihre gesunden Altersgenossen.“
Wenn diese Interpretation zutrifft, sind soziale Medien möglicherweise nicht die Hauptursache für die Verschlechterung der psychischen Gesundheit junger Menschen. Vielmehr könnten sie einer der Orte sein, an denen bestehende Probleme sichtbar werden.
„Suchen wir einen Sündenbock?“, fragt Sametoğlu. „Soziale Medien sind vielleicht nicht der Bösewicht, für den wir sie manchmal halten.“
Quellen:
https://www.nature.com/articles/d41586-024-00902-2
https://link.springer.com/article/10.1007/s10519-025-10224-2
Writer: Jitse Amelink
Editor: Anniek Corporaal
Second editor: Anna Mai
Dutch translation: Anniek Corporaal
German translation: Jule Hafermann
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