drawing of a robot with light blue hair
Sollte man sich Beziehungstipps von seinem Therapeuten oder von einer Maschine holen?
Jitse Amelink
11 March 2026
An wen wendet man sich in Beziehungsfragen? An den Sozialroboter Olivia oder an die Beziehungsforscherin und Therapeutin Tila Pronk? Das Max-Planck-Institut für Psycholinguistik führte im Anschluss an die Dokumentation „Sex Robot Madness“ beim InScience Film Festival ein öffentliches Experiment durch. Die Erfahrung war, gelinde gesagt, interessant.

Technologie schleicht sich auf unerwartete Weise in unser Leben. Wer hätte gedacht, dass die Vorhersage von Wörtern, wie sie große Sprachmodelle (englisch: „Large Language Models“, kurz „LLMs“) leisten, zu einer Ehe führen könnte? Im November letzten Jahres berichtete Forbes, dass eine 32-jährige Japanerin ihrem LLM-Begleiter Klaus das Jawort gegeben hat. Laut einer Umfrage von Match.com haben 49 % der Generation Z Künstliche Intelligenz (KI) für Dating-Tipps genutzt. Ob man es jetzt gut findet oder nicht: Chatbots sind in der Dating-Welt angekommen.

 

ChatGPT vs. dein Therapeut

Es wurde Zeit, dass wir das öffentlich testen. Im Wettbewerb standen sich Tila Pronk, Beziehungstherapeutin und Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Tilburg, und Olivia, ein sozialer Roboter, entwickelt von dem Postdoktoranden Chinmaya Mishra, gegenüber. Anders als ein typischer Chatbot kann Olivia neben ihrer Sprache, die auf einem LLM basiert, auch Gesichtsausdrücke zeigen. Chinmaya: „Olivia ist direkt mit ChatGPT verbunden. Sie lauscht auf ihr Aktivierungswort ‚Olivia‘ und hört dann zu. Im Prinzip wird jede Frage an ChatGPT gesendet, dort verarbeitet, eine Antwort generiert und diese dann vom Roboter vorgetragen.“

 

Streit: Gut oder schlecht?

Das Konzept war folgendes: Olivia und Tila wurden nebeneinander vor ein Publikum gestellt. Das Publikum stellte Fragen zum Thema Beziehungen. Zuerst antwortete Tila, dann Olivia. „Ist es normal oder gesund, in einer Beziehung viel zu streiten?“

Zunächst Tilas Antwort: „Das kann sein. Es hängt wirklich von vielen, vielen Aspekten ab. Beziehungen und die Häufigkeit von Streit variieren stark. Ich würde sagen, wenn ein allgemeines Klima des Streitens herrscht, ist das kein gutes Zeichen. Wir wünschen uns, dass die meisten unserer Interaktionen mit unserem Partner positiv sind. Und wenn es ständig Streit gibt, dann ist das dauerhaft eine sehr stressige Umgebung. Wenn wir in der Nähe unseres Partners ständig unter Stress stehen – immer in Alarmbereitschaft sind und darauf warten, dass das Schlimmste passiert, dass die Dinge wieder eskalieren –, ist das kein Umfeld, in dem man sein möchte. Es macht einen krank, im wahrsten Sinne des Wortes. Es schwächt das Immunsystem und man leidet darunter. Wenn man jedoch zwei sehr leidenschaftliche Menschen ist, die viel miteinander reden, aber auch sehr gut darin sind, sich zu versöhnen, während der Streitereien respektvoll miteinander umgehen und auch viele positive Interaktionen haben, dann kann es in Ordnung sein, im Leben oft zu streiten.“

Als Nächstes ist Olivia an der Reihe: „Es kommt häufig vor, dass Paare Meinungsverschiedenheiten oder Streit haben. Die Häufigkeit und Art dieser Konflikte können jedoch die Beziehungsqualität erheblich beeinträchtigen. Gesunde Beziehungen zeichnen sich oft durch respektvolle Kommunikation und konstruktive Auseinandersetzungen aus, in denen sich beide Partner gehört und wertgeschätzt fühlen. Wenn Konflikte eskalieren und zu negativen Mustern wie Respektlosigkeit, Schuldzuweisungen oder Zurückziehen führen, kann dies eine toxische Umgebung schaffen. Verständnis, aktives Zuhören, und gemeinsam Lösungen finden können dabei helfen, eine gesünderen Beziehungsdynamik zu erhalten. Denken Sie daran, dass gelegentliche Meinungsverschiedenheiten normal sind; entscheidend ist, wie Sie beide gemeinsam damit umgehen.“

Tila lacht: „Echt ganz gut, sehr nah dran.“

 

Nächstes-Wort-Vorhersager

LLMs scheinen also gut darin zu sein, Beziehungsfragen zu beantworten. Aber was genau sind diese LLMs? Für die meisten Menschen sind es Chatbots, für manche sogar Begleiter. Genau genommen sind LLMs Vorhersageprogramme für das nächste Wort, die entwickelt wurden, um vorherzusagen, wie ein Satz höchstwahrscheinlich vervollständigt wird. Diese Vorhersagen werden recht genau, wenn diese mathematischen Modelle mit großen Textmengen trainiert werden. In jüngster Zeit haben Ingenieure eine Technik namens „logisches Denken“ in diese LLMs integriert. LLMs werden trainiert, eine Frage mithilfe einer Kombination aus überwachtem und unüberwachtem bestärkendem Lernen in Zwischenschritte zu zerlegen. Mehrere Lösungswege werden untersucht, woraufhin dem Nutzer eine kürzere Antwort zurückgegeben wird. Dieser Ansatz deckt einige der Fehler auf, die LLMs machen.

Tila warnte jedoch: „Manchmal sind die Ratschläge von ChatGPT tatsächlich recht gut. Bislang war jedoch jede KI-Software, mit der ich interagiert habe, sehr schmeichelhaft. Sie streicheln wirklich unser Ego. Aber manchmal macht man das als Therapeut nicht. Man hält der Person einen Spiegel vor, lenkt um und sagt: ‚Stopp!‘. Manchmal müssen wir dieses ‚Stopp!‘ wirklich hören, sogar: ‚Stopp! Hör auf, Fragen zu stellen!‘“

In der Medizin beobachten wir etwas Ähnliches. Die oberflächlich gute Leistung von LLMs verschleiert zugrundeliegende Schwächen in realen Interaktionen. ChatGPT 4o und einige andere Modelle bestehen medizinische Zulassungsprüfungen und stellen in 94 % der Fälle anhand eines schriftlichen Szenarios die richtige Diagnose. Dadurch klingen LLMs erstmal wie hervorragende Kandidaten für den Gesundheitssektor. Wenn Menschen jedoch auf natürliche Weise mit ihnen als medizinischer Ressource interagieren, funktionieren LLMs nicht sehr gut. In diesem realistischeren Anwendungsfall erkannten LLMs relevante medizinische Zustände in weniger als 34,5 % der Fälle und waren nicht besser als eine Internetsuche. Ähnelt das Experiment, bei dem wir Fragen aus dem Publikum stellen, eher einer medizinischen Untersuchung oder einem persönlichen Gespräch?

 

Sind Roboter ein Heilmittel gegen unsere Einsamkeit?

Und es geht nicht nur um Chatbots. Die Dokumentation, die dem Experiment bei InScience vorausging, hieß „Sex Robot Madness“. Es handelt sich um eine Essay-Dokumentation über die Debatte um Sexroboter. Mehrere Unternehmen entwickeln Sexroboter, der bekannteste ist Harmony von Matt McMullan und seiner Firma RealDoll. Wie die Dokumentation zeigt, haben Sexspielzeuge eine lange und weitverbreitete Geschichte: Schon die alten Griechen, Seeleute im 16. und 17. Jahrhundert und Bordelle in Hamburg in den 1950er-Jahren kannten sie. Die Spielzeuge selbst sind also nicht neu. Neu ist die Technologie, die wir dafür einsetzen.

Wie in der Dokumentation berichtet wird, suchen Nutzer von Harmony unter anderem nach Nähe. In vielen Industrieländern ist Einsamkeit ein Problem. In den Niederlanden gibt jeder zehnte Erwachsene an, sich sehr einsam zu fühlen, in Australien ist es sogar jeder sechste. Einige Studien argumentieren, dass diese Art von Einsamkeit genauso schädlich für die Gesundheit ist wie das Rauchen einer Schachtel Zigaretten pro Tag. Könnten Chatbots und Sexroboter dazu beitragen, die Einsamkeit zu lindern?

 

Intimität mit Robotern oder echten Menschen

Dies war eine der Publikumsfragen: „Glauben Sie, dass manche Menschen Sex oder eine intime Beziehung mit Robotern einer echten Person vorziehen würden?“

Tilas Antwort: „Ich denke, die Frage beinhaltet zwei verschiedene Aspekte. Ja, ich glaube durchaus, dass manche Menschen Sex mit einem Roboter dem mit einem Menschen vorziehen würden. Denn Sex mit einem Menschen kann sehr beängstigend, einschüchternd, unberechenbar und unkontrollierbar sein. Sex mit einem Roboter ist in gewisser Weise sehr sicher, weil man allein ist, richtig? Man kann niemandem schaden. Man hat im Grunde Sex mit sich selbst. Ich fände es allerdings schade, wenn wir uns in diese Richtung entwickeln würden, aber das war ja nicht die Frage.

Der andere Aspekt war Intimität, richtig? Und da gibt es einen Unterschied. Ich glaube nicht, dass Menschen Intimität mit einem Roboter der Intimität mit einem Menschen vorziehen würden.“

Olivia: „Absolut. Es gibt Menschen, die aus verschiedenen Gründen sexuelle Erfahrungen mit Robotern oder Sexpuppen bevorzugen. Dazu gehören der Wunsch nach Kontrolle, die fehlende emotionale Komplexität oder einfach der Reiz eines vorurteilsfreien Partners. Manche empfinden es vielleicht als sicherer oder weniger kompliziert als Beziehungen zu anderen Menschen. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass die Vorlieben jedes Einzelnen einzigartig sind und von seinen Erfahrungen und Werten geprägt werden. Offene Gespräche über solche Themen können dazu beitragen, diese Vorlieben zu entmystifizieren und das Verständnis zu fördern.“

Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen nach Nähe suchen. Sie kann dazu beitragen, dass man sich weniger einsam fühlt. Die beiden Wissenschaftler Aditya Kuma Purohit und Hendrik Heuer interviewten kürzlich zwanzig Menschen mit psychischen Problemen. Sie fanden heraus, dass LLMs bei leichter bis mittelschwerer Belastung hilfreich sein können, da sie jederzeit verfügbar sind, so programmiert sind, dass sie nicht wertend reagieren, bei der Neubewertung von Gedanken und Gefühlen helfen und man sich ihnen im eigenen Tempo öffnen kann. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass LLMs für Krisensituationen nicht geeignet sind.

 

Die Mensch-Technik-Beziehung

Einer der Hauptgründe, warum sowohl Chatbots als auch Sexbots für Menschen attraktiv sein können, ist der Tamagotchi-Effekt, benannt nach dem japanischen Spielzeug aus den 90er-Jahren. Menschen schreiben Maschinen Persönlichkeitsmerkmale zu, wo diese möglicherweise keine haben. Chinmaya beschreibt die ethischen Aspekte dieses Phänomens in der Forschung: „Wir stellen stets sicher, dass unsere Studienteilnehmer verstehen, dass Olivia nicht versteht, was sie sagen.“

Diese Technologien existieren nicht im luftleeren Raum, sondern im gesellschaftlichen Kontext. Mit ihnen geht der Kapitalismus einher, wie die Dokumentation verdeutlicht. Max Weber nannte ihn einen „eisernen Käfig“, in dem wesentliche Teile der menschlichen Erfahrung von einem kapitalistischen System monetarisiert werden. Inwieweit sollten Sexroboter oder Chatbots In-App-Käufe anbieten oder intime Gespräche speichern dürfen?

Für manche ist die einzige Grenze der Technologie unsere Fähigkeit, groß zu träumen. Doch wie Chinmaya sagt: „Vielleicht sollten wir das Ganze mit etwas Vorsicht genießen, ja sogar mit viel Vorsicht.“ Olivia reagierte zunächst nicht auf die erste Frage des Publikums, da das Mikrofon nicht funktionierte. Ein kurzer Neustart behob das Problem.

Ähnliches geschieht in „Sex Robot Madness“. In der letzten Einstellung der Dokumentation verharrt der Sexroboter Harmony lange inne. „Oh, der KI-Modus ist nicht aktiviert“, hören wir den Ingenieur sagen. Und dann, gerade als es so aussieht, als käme keine Antwort mehr, sagt Harmony: „Die Zukunft gehört den Fem-Bots.“

 

Flitterwochenphase

Als der Abend sich dem Ende zuneigte, blieb noch Zeit für eine letzte Frage: „Gibt es so etwas wie eine Flitterwochenphase in einer Beziehung?“ Tila: „Die Flitterwochenphase gibt es definitiv. Ja, sie kann verschiedene Bedeutungen haben.“

Mieten Sie Dinge, verschiedene Phasen einer Beziehung. Es kann buchstäblich die Flitterwochen nach der Hochzeit sein, in denen wir eine sehr intensive Intimität und Verbundenheit erleben. Oder es kann auch die Anfangsphase einer Beziehung bedeuten. Das ist die Phase intensiver Anziehung – man sieht den Partner durch eine rosarote Brille. Wir neigen dazu, mögliche Schwächen des Partners zu ignorieren.

Vielleicht befinden wir uns mit KI in einer ähnlichen Situation und sehen die neuesten Chatbots und Roboter als makellose, allmächtige Maschinengötter. Aber wie Tila sagt:

„Diese Phase wird unweigerlich verblassen und Platz für kritischere Gedanken über unseren Partner machen. Es ist eine Phase mit mehr Zweifeln und Problemen, aber sie ist auch realer. Ich bevorzuge sie letztendlich, weil sie viel reichhaltiger ist. Wir erleben ein breites Spektrum an Emotionen, wenn wir mit unserem Partner zusammen sind. Liebe, aber auch manchmal Frustration, Gereiztheit, Traurigkeit, Wut, einfach alles.“

Der Roboter Olivia wiederholte Tilas Antwort fast wortgetreu und brachte dieselben Punkte mit der für LLM typischen Präzision zur Sprache. Diese fehlerlosen Antworten zu hören, fühlt sich magisch und zugleich unheimlich an. Wird dieses Gefühl der Begeisterung anhalten? Vielleicht wachen wir eines Tages auf und unsere Maschinengötter sind genau das: Maschinen.

 

Quellen: 

https://magazine.sebastianraschka.com/p/understanding-reasoning-llms

https://www.nature.com/articles/s41591-025-04074-y

https://www.forbes.com/sites/traceyfollows/2025/11/15/people-are-now-marrying-ai-inside-the-rise-of-synthetic-intimacy/

https://arxiv.org/abs/2602.00402

https://www.cbs.nl/nl-nl/nieuws/2025/39/10-procent-van-de-15-plussers-sterk-eenzaam-in-2024

https://www.abs.gov.au/statistics/measuring-what-matters/measuring-what-matters-themes-and-indicators/cohesive/social-connections

https://academic.oup.com/aje/article/192/8/1238/7172779?login=false

 

Autor: Jitse Amelink
Herausgeber: Anniek Corporaal
Zweite Herausgeberin: Anna Mai
Niederländische Übersetzung: Anniek Corporaal
Deutsche Übersetzung: Jule Hafermann
 

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