Wer schon einmal Zeit mit kleinen Kindern verbracht hat, kennt wahrscheinlich Sätze wie „Ich gehte zum Park“ oder „Sie schwimmte echt schnell“. Diese kleinen Versprecher gehören zum Sprechenlernen dazu – sie verraten aber auch etwas Wichtiges darüber, wie unser Gehirn Sprache entwickelt.
Wenn Kinder Sprachen mit unregelmäßigen Vergangenheitsformen lernen, sind solche Fehler nicht ungewöhnlich. Im Deutschen sagt ein Kind zum Beispiel „gehte“ statt „ging“ und im Niederländischen „helpte“ statt „hielp“ (dt. „half“). Was steckt dahinter? Sie versuchen, einem bekannten Muster zu folgen: Im Deutschen bildet man die Vergangenheitsform oft mit der Endung „-te“ (wie „spazieren“ → „spazierte“ oder „hüpfen“ → „hüpfte“), im Niederländischen mit „-te“ oder „-de“ (wie „maak“ → „maakte“ (dt. „machte“), „leef“ → „leefde“ (dt. „lebte“)). Wenn ein Verb also nicht diesem Muster folgt – wie etwa „gehen“ → „ging“ oder „helpen“ → „hielp“, machen Kinder manchmal „Fehler“, indem sie trotzdem die Regel anwenden. Doch diese Fehler zeigen uns etwas Wichtiges: dass Kinder lernen, indem sie versuchen, Muster zu erkennen.
Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als würden sie nur raten. Doch Forscher untersuchen dieses Phänomen seit Jahrzehnten, und die Wahrheit ist weitaus faszinierender. Diese „Fehler“ sind in Wirklichkeit Hinweise – Hinweise darauf, wie Kinder die Regeln und Muster ihrer Sprache zusammensetzen.
Zwei konkurrierende Theorien
Einige Wissenschaftler*innen glauben, dass Kinder zwei Systeme verwenden: eines für regelmäßige Verben (wie „sagte“) und ein anderes für unregelmäßige Verben („ging“, „lief“, „sang“). Dies wird als Zwei-Wege-Theorie bezeichnet – als gäbe es zwei mentale Pfade, abhängig von der Art des Verbs. Andere denken, dass Kinder lernen, indem sie viele Beispiele, die sie hören – wie „spazierte“, „hüpfte“ und „spielte“ – speichern und Muster erkennen. Sie könnten feststellen, dass das Anhängen von „-te“ ein Verb in der Regel in die Vergangenheitsform setzt. Wenn Kinder also auf ein Verb wie „zeigen“ stoßen, wenden sie dasselbe Muster an und sagen „zeigte“ – was korrekt ist! Dann versuchen sie dasselbe mit „gehen“ und sagen „geh-te“, ohne zu merken, dass „gehen“ eine Ausnahme ist. Mit der Zeit, wenn sie die korrekte Form „ging“ häufiger hören, beginnen sie zu verstehen, dass „gehen“ nicht dem üblichen Muster folgt. Dies ist die Theorie des einfachen Lernwegs, auch gebrauchsbasierte Sichtweise genannt.
Aber egal welcher Theorie man anhängt, fast alle sind sich einig: Unregelmäßige Verben müssen gelernt werden, und manche Verben sind schwieriger zu lernen als andere.
Warum sind manche Verben also schwieriger?
Das Rätsel der Schwierigkeit mancher Verben
Um zu verstehen, warum manche Verben für Kinder schwieriger zu lernen sind als andere, haben Forscher*innen verschiedene Eigenschaften von Verben untersucht, die eine Rolle spielen könnten. Eine davon ist, wie häufig ein Verb im Alltag vorkommt – „ging“ zum Beispiel ist viel häufiger als „entstand“, was erklären könnte, warum Kinder es tendenziell früher lernen. Eine weitere Eigenschaft ist die phonologische Ähnlichkeit: Gibt es andere Verben, die ähnlich klingen und beeinflussen könnten, wie ein Kind die Vergangenheitsform errät? Wenn ein Kind beispielsweise hört, dass die Vergangenheitsform des niederländischen Wortes „melken“ „molk“ lautet, könnte es fälschlicherweise dasselbe Muster auf „helpen“ anwenden und es „holp“ statt „hielp“ aussprechen.
Forscher*innen haben auch untersucht, ob die Bedeutung eines Verbs beeinflusst, wie leicht es erlernt wird – insbesondere, ob das Verb eine abgeschlossene Handlung oder einen andauernden Zustand beschreibt. „Zerbrach“ bezieht sich auf eine Handlung mit einem klaren Endpunkt: Sobald etwas kaputt ist, ist das Ereignis vorbei. „Wusste“ hingegen beschreibt einen Zustand, der unbegrenzt andauern kann, ohne klare Grenze. Dieser Unterschied könnte beeinflussen, wie Kinder Verben mental kategorisieren und grammatikalische Regeln anwenden. Klingt nach einem soliden Plan, oder?
Der Haken an der Sache: Die meisten Studien verwendeten winzige Datensätze – nur eine Handvoll Kinder oder wenige Verben. Und sie konzentrierten sich hauptsächlich auf Englisch. Das macht es schwierig, die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen. Wenn Kinder nur wenige Fehler machen, bietet das Wissenschaftler*innen nicht genügend Forschungsmaterial. Und wenn wir uns nur mit Englisch beschäftigen, entgeht uns, wie dieser Prozess in Sprachen mit komplexeren Verbformen abläuft.
Das große Ganze
Um wirklich zu verstehen, wie Kinder die Vergangenheitsform – insbesondere die unregelmäßigen Verben – erlernen, müssen wir einen Schritt zurücktreten und umfassendere Fragen stellen. Was geschieht in anderen Sprachen? Was wäre, wenn wir die tatsächlichen Lernmuster von Kindern detaillierter untersuchen könnten? Könnten wir endlich vorhersagen, mit welchen Verben Kinder Schwierigkeiten haben werden und warum?
Diese Fragen treiben eine neue Forschungswelle an, die untersucht, wie Kinder lernen, über die Vergangenheit zu sprechen – nicht nur im Englischen, sondern in Sprachen weltweit. Lesen Sie im nächsten Beitrag dieser Reihe mehr darüber, wie Kinder Niederländisch lernen.
Denn wenn ein Kind „geh-te“ sagt, macht es keinen Fehler. Es zeigt uns Schritt für Schritt, wie Sprache erlernt wird.
Bibliographie:
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