Was ist Aphasie?
Stellen Sie sich vor, Sie führen ein Gespräch. Sie wissen, was Sie sagen möchten, aber Ihnen fehlen die Worte. Wir alle kennen das Gefühl, wenn einem ein Wort auf der Zunge liegt und man es einfach nicht finden kann. Den meisten von uns passiert das nur gelegentlich, aber für Menschen mit Aphasie kann es eine tägliche Herausforderung sein.
Aphasie ist eine Sprachstörung, die meist durch einen Schlaganfall in der linken Hirnhälfte verursacht wird. Ein Schlaganfall entsteht, wenn ein Blutgefäß im Gehirn verstopft oder platzt. Dadurch wird die Versorgung der Hirnareale, die für die Sprachproduktion und das Sprachverständnis zuständig sind, mit lebenswichtigem Sauerstoff und Nährstoffen unterbrochen. Aus diesem Grund können Schlaganfälle bleibende Schäden verursachen und die Fähigkeit, Sprache in gesprochener, geschriebener und gebärdensprachlicher Form auszudrücken und zu verstehen, langfristig beeinträchtigen.
Schätzungsweise 25–50 % aller Schlaganfälle führen zu einer Aphasie (ASHA.org). Aphasie beeinträchtigt weder die Intelligenz noch die sozialen Kommunikationsfähigkeiten. Daher können Menschen mit Aphasie trotz ihrer Sprachschwierigkeiten effektive Gesprächspartner sein. Eine der besten Möglichkeiten, die Kommunikation bei Aphasie zu unterstützen, ist multimodale Kommunikation. Multimodale Hilfsmittel wie Gesten, Mimik, Zeichnen, Schreiben und der Umgang mit Objekten verbessern die Kommunikation für alle. Für Menschen mit Aphasie, die Schwierigkeiten mit der verbalen Kommunikation haben, sind diese Hilfsmittel jedoch besonders wichtig, um Bedeutung zu vermitteln.
Gesten erweisen sich als besonders wertvolles Werkzeug zur Unterstützung effektiver Kommunikation bei Aphasie. Unsere Handgesten sind eine reichhaltige Informationsquelle, mit der wir Objekte, Handlungen, Orte und vieles mehr darstellen können. Zudem tragen wir diese Ressource direkt am Körper und haben sie somit jederzeit und überall zur Verfügung. Wir wissen, dass Gesten für Menschen ohne Hirnschädigung vielfältige kommunikative und kognitive Funktionen erfüllen. Doch wie sieht es bei Menschen mit Aphasie aus? Nutzen Menschen mit Aphasie Gesten trotz ihrer Sprachbeeinträchtigung effektiv? Und wie unterscheiden sich ihre Gesten von denen gesunder Erwachsener? Wir gehen diesen Fragen im Folgenden nach.
Wie gestikulieren Menschen mit Aphasie?
Manche Gesten vermitteln mehr Bedeutung als andere. Ikonische Gesten stellen Form, Größe, Handlung, Bewegung oder Position eines Objekts dar. Beispielsweise könnte eine Person die Hand ans Ohr halten, um ein Telefongespräch zu symbolisieren, oder mit den Armen flattern, um einen fliegenden Vogel darzustellen. Manche ikonischen Gesten sind redundant zur Sprache und vermitteln dieselben Informationen (z. B. „Ich bin zum Laden gelaufen“ sagen und dabei abwechselnd mit zwei Fingern nach unten zeigen für eine Gehgeste). Andere ikonische Gesten ergänzen die Sprache und liefern zusätzliche Informationen (z. B. „Ich bin zum Laden gekommen“ sagen und dabei eine Gehgeste ausführen). Schließlich gibt es auch essenzielle ikonische Gesten, die in Abwesenheit von Sprache wichtige Informationen liefern (z. B. eine Gehgeste als Antwort auf die Frage „Wie bist du zum Laden gekommen?“).
Menschen mit Aphasie gestikulieren im Allgemeinen häufiger als Erwachsene ohne Hirnschädigung (d. h. sie verwenden mehr Gesten pro Wort). Ihre Gesten sind oft ikonisch, bedeutungsschwer und vermitteln ergänzende oder wichtige Informationen, die durch Sprache nicht ausgedrückt werden. Eine aktuelle Studie ergab, dass über die Hälfte der ikonischen Gesten von Menschen mit Aphasie ergänzende oder wichtige Informationen enthielten (Stark et al. 2023). Dies unterstreicht die Bedeutung von Gesten für Menschen mit Aphasie im Vergleich zu Sprechern ohne Sprachbeeinträchtigung.
Profitieren alle Menschen mit Aphasie von Gesten?
Obwohl Menschen mit Aphasie eine gemeinsame Sprachstörung aufweisen, gibt es viele individuelle Unterschiede. So unterscheiden sie sich beispielsweise in demografischen Faktoren (z. B. Alter und Bildungsstand), dem Zeitraum seit dem Schlaganfall, der Lokalisation und dem Ausmaß der Hirnschädigung, den Merkmalen ihrer Sprachstörung (z. B. Wortfindungsstörungen, Verständnisschwierigkeiten) und deren Schweregrad. Dies wirft die Frage auf, ob alle Menschen mit Aphasie gleichermaßen von Gesten zur Verbesserung ihrer Kommunikation profitieren.
Bisher wissen wir, dass Menschen mit Aphasie, die Schwierigkeiten mit der Sprachproduktion haben, Gesten effektiver einsetzen als solche mit Sprachverständnisproblemen. Auch der Schweregrad der Aphasie kann Einfluss darauf haben, wie Menschen Gesten verwenden. Menschen mit schwerer Sprachbeeinträchtigung verlassen sich möglicherweise stärker auf Gesten zur Kommunikation. Schwere Aphasie kann jedoch auch mit anderen Problemen wie Schwierigkeiten bei der Ausführung willkürlicher Bewegungen einhergehen, was die Verwendung von Gesten erschwert (Chick et al. 2024).
Obwohl weitere Forschung nötig ist, um herauszufinden, wer am ehesten von Gesten profitiert, unternehmen Wissenschaftler zunehmend Anstrengungen, die Zusammenhänge zwischen diesen verschiedenen Faktoren und der Gestenproduktion bei Menschen mit Aphasie zu verstehen.
Was kommt als Nächstes?
Je mehr wir über Gesten bei Aphasie lernen, desto mehr Fragen tauchen auf. Bisher haben wir uns hauptsächlich mit den Gesten beschäftigt, die Menschen mit Aphasie selbst verwenden. Doch wie sieht es mit den Gesten ihrer Gesprächspartner aus? Können diese Gesten Menschen mit Aphasie helfen, eine Botschaft leichter zu verstehen? Und was geschieht, wenn Gesten in realen Gesprächen eingesetzt werden?
Diesen Fragen geht Martina Mellana in ihrer Doktorarbeit nach. Sie führen uns auch zu einer weiterführenden Frage: Wie äußert sich Aphasie in Gebärdensprachen, wenn die Hände bereits das primäre Kommunikationsmittel sind? Es gibt Hinweise darauf, dass Aphasie auch die Gebärdensprache betreffen kann, wobei viele Symptome denen der Aphasie bei der gesprochenen Sprache ähneln. Im Vergleich zur Forschung über Aphasie bei der gesprochenen Sprache und Gesten ist die Gebärdensprache-Aphasie jedoch noch weitaus weniger gut erforscht, sodass weitere Untersuchungen erforderlich sind.
Referenzen
Stark, B. C., & Oeding, G. (2023). Demographic, neuropsychological, and speech variables that impact iconic and supplementary-to-speech gesturing in aphasia. Gesture, 22(1), 62-93.
Chick, I., Garrard, P., Buxbaum, L. J., & Vigliocco, G. (2024). Co-speech Gesture Production in Spoken Discourse Among Speakers with Acquired Language Disorders. In Spoken Discourse Impairments in the Neurogenic Populations: A State-of-the-Art, Contemporary Approach (pp. 133-150). Cham: Springer International Publishing.
Credits
- Autor: Martina Mellana
- Herausgeber: Anna Mai
- Niederländische Übersetzung: Lieke Herraets
- Deutsche Übersetzung: Carmen Ramoser
Share this page